Borderline-ALARM !!!

Große Lücke zwischen Realität und MedienLesezeit: 4 minuten

Achtung! Achtung! Ein Borderliner nähert sich! Gehen sie in Deckung und halten sie den größtmöglichen Sicherheitsabstand.

Borderline-Alarm!!!

Im Online-Meer schwimmen viele Artikel über Borderline herum. Viele davon sind viel zu negativ – meiner Meinung nach. Aber es gibt Ausnahmen.


Sagt dir Google-Alerts etwas? Wenn nicht: man kann die Mutter aller Suchmaschinen beauftragen, das Internet nach bestimmten Stichwörtern zu durchforsten. Wenn nun irgendwo in der großen weiten Welt des Netzes ein neuer Inhalt mit dem Suchbegriff publiziert wird, bekommt man eine nette E-Mail.

Vor einigen Wochen habe ich den ganzen Spaß mal für Borderline eingestellt. Viel ist es nicht, was seither in meinem Posteingang eingetrudelt ist. Und von diesem nicht vielen ging es noch einmal in der Hälfte der Benachrichtigungen um etwas völlig anderes, was nichts mit der Borderline Persönlichkeitsstörung zu tun hat.

Alleine diese Tatsache wundert mich mal wieder. Bei so vielen Betroffenen – warum wird so wenig darüber berichtet? Und das Interesse ist da: das Keyword-Tool von Google konnte mir zeigen, dass es jeden Monat 368.000 (!) Suchanfragen für den Begriff gibt.

Schlimmer als die Realität

Nun gut, zurück zum Borderline-Alarm. Wenn sich die Meldungen tatsächlich um BPD drehten, dann waren sie in fast 100% der Fälle negativ, deprimierend, schockierend oder entmutigend. Oder alles zusammen.

Ganz besonders schlimm fand ich einen Text auf heilpraxis.net. Als ich gelesen habe, wir darin über Borderline berichtet wird, wusste ich nicht ob ich vor Wut randalieren oder vor Ungläubigkeit erstarren sollte. Es ging ausschließlich darum, wie schlimm und schrecklich Borderline sein kann. Einer der ersten Absätze lautet

Chaos in der Lebensgestaltung, Regressionen bis zu Kleinkindverhalten, unvermittelte Aggressivität, rasender Zorn und ohnmächtige Wut, Dissoziationen und verzerrte Wahrnehmung begleiten sie. Der Zusammenbruch von Außen und Innen, Nähe und Distanz. Hoffnungslosigkeit und Depression, intensive, aber schnell wechselnde Beziehungen, Selbsthass und Isolation, vernichtende Schuldgefühle, zwanghafte Selbstzerstörung und wochenlange Trauer ist für sie Normalität. Suchtverhalten, ob Alkohol, Drogen oder Spiel, gehören ebenso zur Selbstverletzung der Borderliner.

Erste Reaktion: dieser Text hat so wenig mit meinem Alltag, meinen Erfahrungen zu tun – der Autor hat einfach keine Ahnung. Dann die Zweifel: ich weiß, dass ich das Glück habe, ein eher mittelschwerer Fall von Borderline zu sein. Wenn man das so sagen kann. Hier kommt wieder mein Vergleich mit Krebs. Ist eine Form schlimmer als die andere? Ist einer schlimmer dran als der andere? Und um den Vergleich weiter zu benutzen: Ja, es gibt echt beschissene Formen von Krebs, die so aggressiv sind, dass sie innerhalb von kürzester Zeit unter höllischen Qualen zum Tod führen. Ich weiß, dass es vergleichbare Fälle auch bei Borderline gibt.

Was ich richtig schlimm finde an solchen Texten, ist die Pauschalisierung – Borderline ist so! Alle Borderliner fühlen so! Für solch vereinfachende Aussagen ist die Bandbreite von Borderline einfach viel zu groß. So ein Text blendet aus, dass kein Fall wie der andere ist. Er verschweigt die unendliche Varianz, welche die Diagnose BPD hervorbringt.

Viele Texte handeln von Extremfällen

Ich habe mir nur mit einer Rasierklinge den Arm aufgeschnitten. Andere Betroffene essen die Klingen. Oder hindern ihre Wunden am Zuheilen, indem sie Dinge hineinstecken oder sie mit Zitronensaft behandeln. Diese Tatsache darf allerdings nicht dazu führen, dass die vermeintlich „leichteren“ Fälle verharmlost werden. Es kommt eben auf den Bezugsrahmen an. Darauf, mit wem man sich vergleicht. Egal ob beim Gewicht, der Größe – oder eben Borderline. Und je nachdem kann das Ergebnis sehr unterschiedlich aussehen.Im Gegensatz zu den oben genannten bin ich ziemlich gesund. Im Vergleich mit der „Normalbevölkerung“ bin ich ernsthaft krank.

Wenn das Thema Borderline es dann also mal in Medien schafft, dann fast ausschließlich anhand eines eher extremen Beispiels. Da gibt es dann Patientinnen, die sich Zitronensäure und Gegenstände in ihre Wunden stecken, um diese möglichst lange offen zu halten. Und ähnliche Horrorgeschichten.

Ich habe mittlerweile einige andere Betroffene kennen gelernt. Solche krassen Aktionen hat davon niemand gebracht. Wir alle machten oder machen Sachen, die für den gesunden Menschenverstand eindeutig krank sind, aber das ist eine andere Sache.

Was ich damit sagen will: der Typ Borderliner, der in den Medien gerne aufgegriffen wird, ist nicht der Normalfall. Aber genau dieser Typ scheint durch seine Präsenz das Bild in der Öffentlichkeit zu prägen.

Ganz ehrlich: ich glaube, bei jemandem mit einem richtig harten Fall von Borderline hätte auch ich so meine Probleme im Umgang. Aber der Großteil der Betroffenen ist eben auch Borderliner. Und nicht nur.

>Die Medien bestimmen das Bild

Wenn aber alles was ich über BPD weiß oder lese nur in den schlimmsten Tönen geschrieben wird, wundert es mich nicht mehr, dass es so viele Berührungsängste und Vorurteile gibt.

Ein anderes Beispiel aus der Huffington Post vom 6. September Überschrift „Er war erst 28 – jetzt ist er tot!“ Darin steht über Menschen mit der Borderline Persönlichkeitsstörung:

Die Erkrankten werden zu Geiseln ihrer aus den Fugen geratenen Hirnchemie.

Vielleicht gilt in den Redaktionen einfach immer das alte Medienmotto „If it bleeds, it leads.“ Die krassen Fälle mit schockierenden Geschichten, mit Drama, Blut und Tragödien verkaufen sich eben besser. Ein sachlicher Artikel über Borderline in seiner mittelschweren Form bietet nicht so viel Verkaufs- oder Einschaltpotential. Quasi zu langweilig, die Realität.

Kaum jemandem dürfte weniger daran liegen, Borderline zu verharmlosen, als mir. Doch sicher wird der ein oder andere mir nach der Lektüre dieses Artikels genau das vorwerfen wollen. Nein, Borderline ist schlimm, scheisse und schmerzhaft. Und es gibt krasse Fälle, die auch mich schlucken lassen. Mein Ziel ist, das Bild von BPD gerade zu rücken. Es in eine richtigere Richtung lenken. In eine Richtung, die meinen Erfahrungen und meiner Realität entspricht.

Ein positives Beispiel zum guten Schluss

Und zum Glück kämpfe ich nicht alleine. Denn natürlich finden sich im Netz auch gute Artikel über Borderline.

Eine absolute Empfehlung in dieser Hinsicht ist ein Text auf vice.com vom 8. September diesen Jahres. Darin möchte sich der Autor selber ein Bild von der Krankheit machen, indem er mit einer Ärztin, einem Angehörigen und einer Betroffenen spricht. Hier ist der Link, und wenn du noch drei Minuten Zeit hast, dann klick da drauf und lese. Ich bin sowieso fertig für den Moment.