Recovery und Relapse – B

A long and winding path | sometimes beautiful and green, sometimes steep and greyLesezeit: 6 minuten

Recovery und Relapse – B

Part B | Immer noch geht es um Recovery und Relapse. Darum, was sich mit fortschreitender Recovery verändert und was bleibt. Dass nicht immer alles nur besser wird aber ich trotzdem weiter mache.

Gerade als dieser Artikel in meinem Kopf langsam Gestalt annimmt erreicht mich der neue Blogpost einer britischen Blogger-Kollegin, die ebenfalls über ihre Erfahrungen mit Borderline schreibt. Diesmal trägt ihr Text den Titel „The battle inside my head“. Als ich ihn gelesen hatte musste ich ihr sofort schreiben, wie sehr ich mich in ihren Worten wiedergefunden habe. (Und weil ich gerne teile lest ihr in diesem Post mehrere Zitate aus ihrem Artikel, über einen Besuch auf ihrer Seite freut sie sich aber bestimmt trotzdem.)

Als ich einmal angefangen hatte, über all die Dinge die gerade so in meinem Kopf sind, zu schreiben, gab es gar kein Ende mehr. Und damit ich euch nicht mit einem langen Text erschlage habe ich diesen Post zweigeteilt. Dies hier ist der zweite Teil, der erste Streich nennt sich Recovery und Relapse – A


Am Ende von Teil 1 dieses Textes ging es darum, wie ich aus meinen Relapse-Löchern wieder herausfinde. Und eigentlich nur darum, dass ich mich da immer irgendwie selber an den Haaren draus rausziehen muss. Vielleicht hat sich der ein oder andere gefragt, wie es denn eigentlich mit Hilfe von außen ist. Kann man mir helfen, wenn ich im Loch sitze?

Gute Frage – einfach zu beantworten. Bestimmt kann man mir irgendwie helfen. Aber bisher habe ich dieses irgendwie noch nicht gefunden. Und ich gebe zu: ich habe auch nicht wirklich danach gesucht. Denn ich würde dieses Wissen sowieso nicht anwenden. Ich bin einfach nicht besonders gut darin, um Hilfe zu bitten.

In der Klinik und auch in meiner ambulante Therapie geht es immer wieder um Glaubenssätze. Das sind verinnerlichte Ansichten, die einen seit der frühesten Kindheit begleiten. Am Anfang dachte ich noch, so was gäbe es bei mir nicht. Hach, wie falsch ich da mal wieder lag. Denn es gibt so einige. Und der Glaubenssatz, der mich wohl am meisten steuert und kontrolliert ist „Ich schaff das alleine.“ Egal was.

Woher dieser Glaubenssatz kommt, warum er da ist – spielt keine Rolle. Für mich bedeutet er, kurz und knapp gesagt: ich will nicht, dass mir jemand helfen muss. Ich hasse es, zu zeigen, dass es mir nicht gut geht. Dass ich gerade kämpfe. Dass ich gerade in einer Wolke aus Depression umherlaufe. Oder dass ich seit Tagen immer wieder denke „Ritzen wäre ne gute Idee.“

Ich wehre mich schon genug dagegen, mit diese Dinge selber einzugestehen. Da muss ich sie nicht auch noch jemand anderem auf die Nase binden. Ich hasse es zu spüren, dass ich jetzt vielleicht gerade Hilfe gebrauchen könnte. Und ich möchte auch nicht, dass ich mir selber helfen muss. Meine Armee aus Kraft und Wissen an die unzähligen Fronten schicken muss, damit sie Kriege führen, die ich schon lange als beendet gewähnt hatte.

Kein weiß ohne schwarz

Was die Sache vielleicht gerade noch schwerer macht ist, zu wissen, wie es auch aussehen kann. Früher waren die endlosen Gedankengefechte in meinem Kopf, die Gefühlsturbulenzen im Herz, die Wut- und Anspannungsbälle im Bauch einfach das einzige, was ich kannte. Hoffnungslosigkeit, Selbsthass, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Selbstzweifel waren meine täglichen Begleiter. Eigentlich meine einzigen Bekannten. Heute weiß ich, dass es da noch viel mehr gibt. Dass es ein Leben, einen Alltag geben kann, in dem ich nicht ständig an allen Fronten gegen mich selber kämpfe.

Sometimes I tell myself – at least there is a battleground. At least it is a fight rather than a walkover. Because it wouldn’t be without the battle. In the past, the emotions I was feeling and the words that I was hearing in my head, would have felt like the only possibility and the only reality. They would have been experienced as fact, without question.

Life in a Bind

Früher gab es für mich nur die kaputte Dommi. Die komische Dommi, die irgendwie nichts hinbekommt und es nur mit Hilfe einer ordentlichen Dosis selbstschädigenden Verhaltens schafft, auf Kurs zu bleiben. Ich habe nicht geahnt, dass da noch viel mehr ist.

Man sagt immer so schön, dass man die Hochs des Lebens erst so richtig genießen kann, wenn man auch die Tiefs kennt. Dass man nur glücklich sein kann, wenn man auch traurig kennt. Dass man sich erst so richtig über die Sonne freut weil man weiß wie doof Regen sein kann und so weiter.

Die eine Seite kenne ich zur Genüge. Die andere habe ich vor kurzem erst entdeckt. Und manchmal scheine ich diese neue, gute Seite – die „heile“ Dommi, die läuft und Yoga macht und sich gesund ernährt und den Skill „Entscheidung für den neuen Weg“ so richtig und wichtig findet – gar nicht mehr loslassen zu wollen.

Ich kämpfe damit, dass die Wechsel normal sind. Dazugehören. Dass es gesund ist, nicht immer auf einem Level zu verharren. Leider bedeuten bei mir die Ausschläge nach unten oft gleich richtige Talfahrt. Und nicht nur eine kurze Delle. Aber immerhin kenne ich jetzt die Kehrseite. Ich weiß also, wofür ich jeden Tag mit mir selber kämpfe. Und das alleine ist eigentlich schon eine ganz schön tolle Sache.

Authentizität vs. Wunschbild

Nach außen sind diese ganzen Kämpfe, die ich da mit mir austrage, eigentlich nie sichtbar. Weil ich nicht anders kann oder will – auch das ist eine andere Frage.

Auf jeden Fall trete ich heute sehr oft sehr selbstsicher auf, wenn es um das Thema Borderline geht. So, wie ich darüber rede bekommen meine Gegenüber wohl schnell den Eindruck, dass ich erfolgreich austherapiert bin und mich jetzt einfach noch weiter damit beschäftige. Oder vielleicht noch mit den Nachwehen meiner Persönlichkeitsstörungen zu tun habe. Wenn überhaupt. Es wird einfach sehr gerne vergessen bzw. ausgeblendet, dass ich eine ganz schön ernsthafte Erkrankung mit mir herumtrage. Immer.

I walk around in an ordinary way, doing ordinary things; but I am the walking wounded, only half alive because so much energy is being drained away, dealing with what is happening inside.

Life in a Bind

Und irgendwie ist das ja auch gut, ich möchte auf keinen Fall immer als „die Borderlinerin“ gesehen werden. Aber mittlerweile habe ich fast ein schlechtes Gewissen meiner Umwelt gegenüber, Wenn ich eine neue Runde auf der Relapse-Bahn drehe. Wenn der Schalter von Recovery auf Relapse springt. Wenn die Borderline mal wieder am Steuer der Achterbahn sitzt. Wenn die Depression sich auf meiner Couch einnistet.

Die „gesunde Dominique“ ist wie die „kranke Dominique“ ein Teil von mir. Ich bin nicht „geheilt“. (Siehe auch Grundkurs Borderline zum Thema Heilung) Ich bin nach wie vor Borderlinerin. Auch wenn ich über die letzten Monate verdammt viel gelernt habe. Arbeit in mich gesteckt habe. Und ganz klar: ja, es geht mir heute besser als früher. Irgendwie.

Ich will gleichzeitig authentisch sein und nicht am Bild der „heilen, starken“ Dominique rütteln. Es fühlt sich falsch an. Und das führt dann wiederum verstärkt dazu, dass ich mich in schlechten Phasen wieder sehr zurückziehe, von allen distanziere und meine dunklen Kriege mit mir alleine führe. Und erst recht nicht um Hilfe frage.

Schwarz-Weiß-Denken

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung bringt es mit sich, dass für Betroffene die Welt, eine Sache, ein Mensch oft entweder NUR gut, super, toll ist oder NUR schlecht, scheiße und unbrauchbar. Das kann im Minuten-, Stunden-, Tage- oder Wochentakt wechseln. Und irgendwie blende ich oft aus, wie sehr dieses Schwarz-Weiß-Denken mein Leben, mein Erleben, meinen Alltag, meine Interaktionen mit anderen Menschen prägt. (Und jetzt gerade merke ich, wie sehr ich darüber mal einen Artikel schreiben möchte und müsste. Kommt!)

Aber zurück: Dieses Entweder-Oder-Denken wirkt sich eben auch auf mein Recovery-Relapse-Erleben aus.

Das heißt also, wenn es mir gut geht, wenn ich gerade eine Aufwärts-Phase habe, dann ist alles gut: mein Selbstbild, mein Selbstvertrauen, meine Pläne, meine Vorhaben. „Mir ging es mal schlecht? – Ach, so schlimm war das doch nicht. Alles halb so wild.“ 

Klingt doch gar nicht schlecht? Stimmt, aber leider funktioniert es genau so, wenn es mir nicht gut geht. Nur eben in die andere Richtung. Dann ist alles schlecht: Ich bin scheiße, kein Selbstvertrauen in mich vorhanden, meine Pläne unbrauchbar, meine Zukunft zum Vergessen. „Mir ging es mal gut? – Kann nicht sein, das wüsste ich. Gut? Wie fühlt sich das an?“

In den letzten Monaten habe ich nun dank Therapie (hier werde ich langsam besser im Hilfe annehmen) gelernt, nach den Grautönen zwischen den beiden Polen zu suchen. Und überhaupt: ich habe gelernt, dass ich, dass mein Kopf, mein Denken, so funktioniert. Und dass ich, mein Kopf, mein Denken mir da was vormacht. Ich versuche, mich gerade nicht mehr so von diesen beiden Seiten mitreißen zu lassen. Sondern öfter meine Ratio und damit Objektivität einzuschalten.

Ich lerne also langsam, dass selten alles nur gut ist. Aber genau so selten alles nur scheiße.

The battleground means that resistance is alive – on both sides. Resistance to the self-sabotaging parts of myself and the negative thoughts and emotions; but also resistance to any positive external or internal influence that tries to show me that I have choices, and that all is not as it seems. The battleground means that I’m not just accepting what my inner thoughts are telling me; that I’m not just absorbing every emotion that wants to carry me away.

Life in a Bind

Auf zur nächsten Runde

Wie ich es schaffe, alle Seiten unter einen Hut zu bringen, sie zu einem stimmigen Gesamtbild zusammensetzen, in dem alle Teile und Phasen ihren Platz finden, daran muss ich in den nächsten Monaten noch arbeiten. Und zwar nicht nur in Bezug auf meine Recovery, sondern generell.

Wenn ich das geschafft habe, dann werden mich hoffentlich auch die großen und kleinen Relapse, die der Alltag und das Leben so für mich bereit halten, nicht mehr ganz so doll aus der Bahn werfen können. Weil ich weiterhin weiß, dass die Sonnenseite immer noch da ist, auch wenn ich sie gerade nicht sehe.

Die nächste Talfahrt wird kommen, die nächste Depression irgendwann vor der Tür stehen, das nächste Loch mich irgendwann erwarten. Meine treuen Begleiter aus alten Tagen werden mich irgendwann wieder in ihre Arme schließen. Einzeln oder in Kombination. Und ich werde nicht viel tun können. Außer zu wissen, dass ich schon mal dort war. Und also schon mal wieder rausgekommen bin.

There is also the war with helplessness, hopelessness, desperation, self-criticism and ultimately with the desire to die. I remind myself that I have been here before, that I will see beyond this. But my biggest ally in these times tends to be not words, but waiting; hanging on for dear life until I can once again see that life is dear, or at least liveable with.

Life in a Bind

Also, abwarten und Yogi-Tee trinken.