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Glaubenssätze und ihre Wirkung

Lesezeit: 6 minuten

Wer schon mal von ihnen gehört hat, der weis vermutlich, dass es negative und positive Glaubenssätze gibt. In diesem Beitrag möchte ich meinen persönlichen Weg mit euch teilen, wie ich meine tiefsten Überzeugungen erforscht habe. Außerdem werde ich euch Tipps mit an die Hand geben, wie auch ihr diesen Prozess meistern könnt.

Dieser Beitrag wurde von Ronja geschrieben


„Ich bin nicht gut genug. Ich muss immer alles perfekt machen. Keiner mag mich.“ Kennt ihr vielleicht den ein oder anderen Gedanken, der in euren Köpfen herumschwirrt und euch regelrecht runterzieht? Genau das bewirken Glaubenssätze, besser gesagt: negativ verankerte Glaubenssätze. Wie in dem Wort schon drinsteckt, geht es hier ums Glauben. Denn was der eigene Kopf zu einem sagt, das glaubt man in der Regel auch. Allerdings trifft diese Stimme häufig falsche Annahmen, die sie einst, meist in der Kindheit, irgendwo aufgegriffen hat. Sie beharrt darauf, uns immer wieder diese vermeintlichen Wahrheiten aufzudrängen. Das Gute an der ganzen Sache: wir können aktiv etwas gegen sie unternehmen und unsere Prägung ändern. Nach ein bisschen Arbeit können wir sogar ganz schön davon profitieren. Wie negative Glaubenssätze euer Erleben beeinflussen und wie ihr ihnen den Kampf ansagen könnt, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Eine Reise zu meinen innersten Überzeugungen

Zum ersten Mal Kontakt mit ihnen hatte ich mit 18 Jahren, während ich mich in meiner ersten stationären Therapie befand. Noch nie zuvor hatte ich von ihnen gehört. Geschweige denn wusste ich, dass sich einige bereits seit vielen Jahren in mir verborgen hielten. Anfangs fiel es mir schwer, sie gemeinsam mit meiner damaligen Therapeutin zu identifizieren. Doch es gibt Hinweise, die bei dieser Entdeckungsreise behilflich sein können.

Während meiner Selbstreflexion fragte ich mich, welche Überzeugungen ich sowohl über mich selbst als auch über die Welt hatte. Negative Glaubenssätze sind oft durch absolute Aussagen wie „müssen“, „niemand“, „nie“ usw. geprägt. Diese Erkenntnis half mir dabei, meine Forschung allmählich einfacher zu gestalten. Ich sollte herausfinden, dass ich mich häufig in die Opferrolle begeben habe, ohne zu bemerken, dass ich mir selbst im Weg stand.

Die Annahme, dass mich niemand mögen würde, hat mich jahrelang daran gehindert, neue Freundschaften zu knüpfen. Leider wurde meine Überzeugung tatsächlich wahr – ein Phänomen, das als „selbsterfüllende Prophezeiung“ bekannt ist. Dabei handelt es sich um die Wirkung von Glaubenssätzen: eine Vorstellung über die Zukunft, die bewirkt, dass der/die Betroffene sein Verhalten und Erleben so anpasst, dass diese Vorstellung tatsächlich zur Realität wird.

Durch meinen negativen Glaubenssatz strahlte ich wohl eine abweisende Haltung aus, was andere Menschen davon abhielt mich näher kennenzulernen.

Erforscht die Wurzeln eurer Glaubenssätze

Schön und gut, nun haben wir einen meiner negativen Glaubenssätze entlarvt, aber was nun? Er wird sich ja wohl nicht von heute auf morgen in Luft auflösen… Ganz so einfach ist es leider auch nicht. Dennoch gibt es Möglichkeiten, wie wir an ihnen arbeiten können, um letztendlich sogar von ihnen zu profitieren.

Die Überzeugung, dass mich niemand mögen würde, scheint ihren Ursprung in meiner Jugendzeit zu haben. Damals bestimmte meine Borderline-Persönlichkeitsstörung mein Leben und meine Gedankenwelt. Im Alter zwischen 15 und 18 Jahren hatte mich die Krankheit voll und ganz im Griff. So war mein Leben von Selbstzweifeln, Unsicherheiten und einigen negativen Grundannahmen über mich selbst geprägt.

Während meines Aufenthalts auf einer DBT-Station (Dialektisch-Behaviorale Therapie – eine speziell für die Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelte Therapieform) lernte ich, dass es einen Kritiker:in in mir gibt, der mich einschränkt. Dieser nutzt jede Gelegenheit, mir seine negativen Gedanken durch den Kopf zu jagen.

Ich begann allmählich, diese Annahmen über mich selbst zu hinterfragen. Außerdem prüfte ich, ob es tatsächlich Beweise für ihre Berechtigung gab. Dabei stellte ich fest, dass sich viele Situationen, in denen meine negativen Glaubenssätze aktiv wurden, auch anders erklären ließen. So wurde deutlich, dass es selten die anderen waren, die mich ablehnten. Die eigentliche Herausforderung lag bei mir, da ich mich selbst nicht annehmen konnte, so wie ich war.

Mein damaliger Selbsthass und mein innerer Kritiker:in spielten ein gemeinsames Spiel, das mich nahezu handlungsunfähig machte. Diese Erkenntnis war der entscheidende Wendepunkt für die Veränderung meines negativen Denkens. Statt „Niemand mag mich“, war die eigentliche Annahme „Ich mag mich nicht“ – und diese Einstellung konnte ich tatsächlich beeinflussen.

Natürlich konnte ich nicht mit dem Finger schnipsten und plötzlich würde ich anfangen mich selbst zu mögen. Doch ich hatte endlich einen konkreten Anhaltspunkt, an dem ich gezielt arbeiten konnte: Selbstliebe.

Eine inspirierende Wandlung vom Negativen zum Positiven

Wie bereits erwähnt, ist es unrealistisch, einen derart tief verwurzelten Gedanken im Handumdrehen ins Positive zu verwandeln. Doch wenn ihr mein Lebensmotto „step by step“ beherzigt, werdet ihr bald erkennen, dass uns die kleinen Veränderungen dem Ziel näherbringen.

Anstatt mich auf das Negative zu konzentrieren, lenkte ich meinen Fokus in eine andere, damals unbekannte Richtung: Positive Glaubenssätze, auch als Affirmationen bekannt, sind ermutigende Gedanken und Überzeugungen, die wir über uns selbst und die Welt hegen. Durch die Arbeit mit Glaubenssätzen und bewusster Wiederholung können sie das Unterbewusstsein positiv beeinflussen und negative Selbstzweifel überwinden, um ein erfüllteres Leben zu führen.

Gab es denn irgendeine Kleinigkeit an mir, die ich nicht so schlimm fand oder vielleicht sogar ein bisschen mochte? Es erforderte einiges an Zeit und Überwindung, doch ich kam zu dem Entschluss, dass ich meine Augen ganz schön fand (äußerliche Eigenschaft). Zudem betrachtete ich es als positiv, einen respektvollen Umgang mit anderen Menschen zu pflegen (innerliche Eigenschaft).

Während des gesamten Prozesses war die professionelle Unterstützung für mich von großer Bedeutung. Sie half mir, nicht vorzeitig das Handtuch zu werfen und alte Denkmuster wieder aufleben zu lassen. So tastete ich mich schrittweise vorwärts, wiederholte den neuen Glaubenssatz immer und immer wieder. Ich hängte ihn als Zettel an den Spiegel und ja: fühlte mich auch oft sehr komisch dabei, etwas zu sagen, von dem ich noch nicht vollständig überzeugt war.

Durch jahrelange Übung und viel Geduld habe ich heute folgende positive Glaubenssätze verinnerlicht: „Es muss mich nicht jeder einzelne Mensch da draußen mögen.“ und „Ich mag vielleicht nicht ganz „normal“ sein, aber genau das macht mich einzigartig. Die Menschen, die mir wirklich wichtig sind, schätzen mich gerade deshalb.“

Auch heute noch meldet sich mein:e alte:r Begleiter:in „Niemand mag dich“ hin und wieder zurück. Dann mache ich einen kurzen Realitätscheck und erinnere mich an all meine neu gewonnenen Erfahrungen der letzten Jahre. Diese beweisen, dass er im Unrecht ist und somit auch wieder Leine ziehen darf.

Tipps für eure Transformation

Wie zu Beginn angedeutet, trug ich damals einige dieser negativen Glaubenssätze mit mir herum. Über eine lange Zeit hinweg hegte ich die feste Überzeugung, dass es mir niemals gelingen würde, diese loszuwerden. Noch weiter entfernt lag die Vorstellung, sie durch Positive zu ersetzen. Wie das Wort „niemals“ verriet, lag diesem Gedanken offensichtlich ebenfalls ein Glaubenssatz zugrunde, den ich zuerst angehen durfte. Mittlerweile würde ich sagen, durchaus erfahren darin zu sein, solche Grundannahmen zu verändern. Dies ermutigt mich dazu, diesen Beitrag zu verfassen und einige meiner Tipps mit euch zu teilen:

Schafft Bewusstsein:

  • Macht euch bewusst, dass Zeit ein entscheidender Faktor bei der Arbeit an Glaubenssätzen ist. Sowohl die Welt als auch ihr selbst unterliegt einem ständigen Wandel – nichts bleibt wie es ist.
  • Möglicherweise verbirgt sich hinter diesen Gedanken mehr, als euch bewusst ist. Eine professionelle Unterstützung kann euch auf eurem Weg von großem Nutzen sein, um diese verborgenen Aspekte besser erkunden und eure innere Einstellung verstehen zu können.
  • Wird euch bewusst, dass ihr euch intensiver mit dem Thema auseinandersetzen möchtet, empfehle ich euch einmal bei unserem Mental Health Guide vorbeizuschauen. Er beschäftigt sich im Modul „Beziehung zu mir“ unter anderem auch mit Glaubenssätzen.

Erforscht die Kraft der Geduld und des Vertrauens:

  • Experimentiert mit dem nachhaltigen „step by step“ Prinzip statt nach sofortigen Veränderungen zu streben. Beobachtet mal, wie es sich auf euch auswirkt.
  • Falls er euch anspricht, könnt ihr diesen kraftvollen Glaubenssatz ausprobieren, der meine Weltansicht grundlegend verändert hat und mich in schwierigen Zeiten mit Zuversicht erfüllt: „In mir ruht ein tiefes Urvertrauen in die Welt, mein Leben und mich selbst.“

Übung macht den Meister:

  • Seid mutig: Denkt und handelt bewusst entgegengesetzt sobald euer negativer Glaubenssatz auftaucht. Wie habt ihr euch währenddessen und danach gefühlt? Und wie haben eure Mitmenschen auf diese neue Haltung reagiert? Hat euch ein Glaubenssatz schon mal von eurem Glück abgehalten?
  • Schafft euch einen sichtbaren Reminder für euren neuen, positiven Glaubenssatz. Notiert ihn auf einem Zettel und platziert ihn an verschiedenen Stellen, um ihn allmählich zu verinnerlichen. Mögliche Orte: Wohnungstür, Badezimmerspiegel, Kühlschrank, Kleiderschrank, Laptop
  • Entzieht eurem negativen Glaubenssatz seine Macht. Geht humorvoll an ihn heran und verknüpft ihn mit einer amüsanten Kopfkino-Szene. Somit könnt ihr die Schwere und Ernsthaftigkeit der Situation oder des Gefühls abschwächen. Stellt euch beispielsweise vor, ein Affe mit quietschiger Stimme und einer Banane als Pistole auf euch gerichteten in der Hand, versucht euch mit eurem Glaubenssatz zu verärgern. Gelingt es ihm oder müsst ihr eher schmunzeln?

Macht den Realitäts-Check:

  • Sobald ihr einen eurer negativen Glaubenssätze erkennt, probiert euch von dem Gefühl, das ihn ausgelöst hat, zu distanzieren. Betrachtet die Situation aus einer neutralen Perspektive – sucht nach anderen möglichen Erklärungen, um herauszufinden, ob eure Annahme wirklich gerechtfertigt ist

Ideen für eure inspirierenden Affirmationen:

  • Einer der Vorteile der heutigen Zeit: das Internet… warum nicht nutzen, um zahlreiche Ideen für positive Glaubenssätze zu entdecken?
  • Fragt man konversationsfähige KI-Systeme nach Beispielen, kommen schon einige gute Antworten dabei heraus. Fragt man sie jedoch gezielt nach rockigen/spirituellen Glaubenssätzen, können sie einem richtig coole Ideen vorschlagen.

Der erste step auf eurem Abenteuer ist vollbracht

Wenn ihr diese Worte lest, seid ihr nicht nur fast am Ende dieses Artikels angekommen. Ihr habt auch gleichzeitig den ersten Schritt vollendet, eure eigenen Glaubenssätze zu erkunden. Wie bei so vielem liegt der Schlüssel hier im Bewusstsein. Ihr dürft euch also einmal kräftig auf die Schulter klopfen und dafür danken, euch mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Die Arbeit an unseren negativen Glaubenssätzen kann am Ende so viele großartige Veränderungen bewirken. Sie hat das Potenzial, unsere Sicht auf viele Aspekte des Lebens zu revolutionieren. Es ist erstaunlich, welche positiven Auswirkungen der Weg der Selbstreflexion und des Wachstums mit sich bringen kann.

Blicke ich nun 8 Jahre zurück in die Zeit, in der ich das erste Mal mit diesem Teil von mir konfrontiert wurde, erfüllt mich eine Faszination. So vieles ist möglich, wenn man an seinen Herausforderungen dranbleibt, anstatt aufzugeben. Was mich noch mehr beeindruckt, sind die vielen wundervollen Lebenserfahrungen, die ich in diesen Jahren sammeln durfte. Begleitet von Menschen, die heute wahrscheinlich nicht an meiner Seite wären, hätte ich mich damals nicht getraut, umzudenken.

Es ist erstaunlich, wie die Entscheidung, meine Denkweise zu verändern, mir so viele bereichernde Begegnungen und Momente geschenkt hat. Einige davon hätte ich sonst wohl verpasst. Glaubenssätze haben eine unglaubliche Macht über die Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten. Die aufregende Reise meiner persönlichen Entwicklung hat mich und mein Leben auf so eindrucksvolle Weise geprägt, dass ich keinen einzigen Augenblick davon vermissen möchte.