Bali-Beobachtungen

Ob Gas, Süßigkeiten, Klamotten oder Aspirin. Hier gibt es alles. Und von diesen Läden gibt es unendlich viele hier auf Bali.Lesezeit: 7 minuten

Bali-Beobachtungen

Wenn einer eine Bali-Reise tut, dann kann er viel erzählen… Wer einige Wochen hier auf Bali verbringt, der sieht wahrlich so einiges. Lustiges, trauriges, schönes, interessantes, sonderbares. Eine kleine Sammlung von Gedanken und Beobachtungen. Und natürlich Bilder dazu.


Wie ist es, fast drei Monate auf Bali zu sein? Wie fühlt es sich an? Was sieht man? Wovon wird der Alltag bestimmt? All dies sind Sachen, die sehr schwer über den halben Erdball zu transportieren sind. So viele Kleinigkeiten, die in den großen Reiseartikeln immer untergehen, keinen Platz finden. Vielleicht kann diese Sammlung hier eine Idee davon geben:

Ja, die Reisterrassen sind so schön wie sie auf Bildern und in den Reiseführern immer aussehen. Jedes Mal schön, jedes Mal anders.

Die Erwachsenen fragen einen zur Begrüßung meistens, wohin man geht oder woher man kommt. „Where you going?“ Das ist quasi das balinesische Äquivalent zum amerikanischen „How are you?“. Mit dem Unterschied, dass es die Balinesen wirklich zu interessieren scheint. Am Anfang wundert man sich noch und denkt „Das geht dich doch gar nichts an?!“ aber auch daran gewöhnt man sich und legt sich für den Fall ein „Jalan, Jalan!“ zurecht. Was soviel heißt wie „Weg, Weg bzw. Ich fahr einfach nur ein bisschen rum.“

Erschreckender können da schon die Kinder sein, die einen vom Straßenrand aus ansprechen. Meistens ist es nur ein fröhlich geschrienes „HELO!!!“ wenn wir vorbei fahren. Da freut man sich natürlich. Wir haben aber auch mehr als nur einmal erlebt, wie die Kinder bei unserem Anblick sofort die Hand hingehalten haben und „Money!“ sagen. Schön, dass sie Englisch sprechen.

Die Kinder sind hier sowieso zum Teil Vollprofis. Nicht nur im „Money“ rufen. Sondern im verkaufen und verhandeln. Nur eine von vielen Szenen: wir halten an einer ruhigen Straße um den Blick auf die Landschaft zu genießen. Da kommen drei wirklich knuffige Mädchen angerannt, 5,7 und 9 – grob geschätzt. Und zeigen uns Bilder. Natürlich selbstgemalt. Und machen große Augen. Wir blättern höflich durch. Ich frage mal höflich nach, was denn ein Bild kostet. Und auf die Antwort „Fifty thousand!“ muss ich nicht mehr ganz so höflich laut lachen. Worauf das Mädchen sagt „You can bargain!“ Also, dass ich ja handeln könne! Ohne mit der Wimper zu zucken. Gelernt ist gelernt. 50.000 Rupiah sind deutlich mehr, als die umgerechnet 20 Cent, die ich wahrscheinlich noch bereit gewesen wäre zu zahlen. Für das Geld bekomme ich in so manchem Warung drei Essen.

Drei Geräusche, die Bali für mich ausmachen: das Brummen, Röhren, Knattern von Motorrollern – das Krähen der unzähligen Hähne – der immer noch fremde Klang von Gamelan-Instrumenten.

Geckos sind toll! Und überall! Innen und außen. An Wänden, Decken, Lampen und Schildern. Und sie stören überhaupt nicht. Sondern sie essen brav Mücken und Co. Damit die einen dann im Schlaf nicht verrückt machen. Nur die Gecko-Kaka liegt manchmal an etwas ungünstigen Plätzen. Aber ist wohl auch schwer, von so weit oben gut zu zielen.

Zeit hat hier einen anderen Wert. Gefühlt gibt es mehr davon. Jeder einzelne Balinese scheint an einem Tag soviel Zeit zu haben wie wir nicht in einem Monat. Das bringt eine allgemeine, sehr entspannte Atmosphäre auf der ganzen Insel mit sich.

Es wird viel rumgesessen. Überall – ob auf der Straße, hinterm Tresen oder beim Arbeiten. Kein schlechtes Gewissen beim Nichtstun.

Diese allgemeine Ruhe ist schön. Und nicht vergleichbar mit der pausenlosen Hektik in Deutschland. Und sie ist ansteckend. Es dauert nicht lange, bis man feststellt, dass man sich auch langsamer bewegt. Ruhiger. Entspannter. Bei den Temperaturen hier sowieso eine gute Idee.

Und die Balinesen können trotzdem oder auch richtig hart anpacken. Ständig sieht man Frauen mit Zementsäcken auf dem Kopf. Oder Roller, die mit Zementsäcken beladen sind. Es wird gebaut, gehämmert, geschleppt, geerntet wohin das Auge sieht.

Es gibt kein Bier auf Hawaii? Es gibt keinen Wein auf Bali. Und wenn doch, dann ist er ungenießbar. Oder unbezahlbar.

Die sattgrünen Reisterassen – wir können uns einfach nicht satt sehen!

Nein, ich gewöhne mich einfach nicht an unter 7-jährige Kinder, die mit 40 km/h auf ihrem Motorroller an mir vorbeirasen. Und auch nicht an 12-jährige.

Und ich gewöhne mich auch nicht an mit allen erdenklichen Dingen vollbeladenen Roller. Ob vier Ziegen, 5 Meter hoch Reissäcke, Kühlschrank oder Rasenmäher. Jedes mal faszinierend. Und oft auch ein bisschen beängstigend.

Und wer keinen Roller zum Überladen hat, der nimmt eben seinen Kopf. Ob Hühnerbund, Opferschalen oder Wassergallonen – alles schon gesehen. Auch Pflastersteine landen auf dem Kopf. Mutti trägt 6 Stück, der 12-jährige Sohn 3 Stück und seine 4-jährige Schwester nur einen. Man muss ja klein anfangen.

Räucherstäbchen sind toll! Ich liebe den Geruch, der mehrmals täglich von den Tempeln, Opferstellen und zahllosen anderen Orten durch die Luft geweht wird.

Und den Duft von Nelkenzigaretten mag ich auch.

Ja, es findet jeden Tag irgendwo im näheren Umkreis mindestens eine Zeremonie statt. Meistens mehrere. Ständig, überall, immer wird irgendwas, irgendwo und irgendwie zeremoniert. Mit ein wenig Offenheit und vor allem wenn man etwas länger an einem Ort bleibt, wird man früher oder später zu einer Hochzeit, einer Tempeleinweihung oder einer Bestattungszeremonie eingeladen werden. Oder allen drei. So ging es uns.

Balinesen scheinen Harley Davidson zu lieben. Auch wenn man davon praktisch kein Exemplar herum fahren sieht. Dafür aber umso mehr Autos und Roller die Harley-Davidson Aufkleber durch die Gegend fahren.

Gefühlt leben 90% der Balinesen hinter, vor, über, neben oder in ihrem Shop. Aussehen tun diese Läden fast alle gleich. Eine bunte und unbeschreibliche Mischung. Der Tag wird damit verbracht, hinter, vor, über, neben oder im Shop rumzusitzen. Ist ja auch Zuhause. Wenn jemand kommt, um was zu kaufen – schön. Wenn nicht – passt auch. Man hat ja sein Zuhause nicht verlassen müssen.

Habe ich schon die Reisterrassen erwähnt? Jedes mal wieder unfassbar grün, schön und atemberaubend.

Auch an Männer, die auf ihrem Roller Schrotflinten, Gewehre, Sicheln, Sensen und Harpunen durch die Gegend fahren, habe ich mich noch nicht gewöhnt.

In so vielen Dingen ist Bali eine wahre Zeitreise. In die Vergangenheit. Viele Dinge, bei uns inzwischen von Maschinen & Co übernommen wurden, werden hier noch old-school und per Hand gemacht. Vom Ochsenkarren auf dem Reisfeld bis zum Betonmischen und Wäsche waschen im Fluss.

Die Balinesen kehren gerne. Und ständig. Quasi immer. Meistens mit kurzen Reisbesen. Auf der Straße, in der Einfahrt, vor dem Haus – das Geräusch ist so allgegenwärtig wie die warmen Temperaturen.

Entweder, die Balinesen haben alle etwas an den Ohren, oder ein extrem anderes Lautstärke-Empfinden als wir. Die Musik dröhnt hier an vielen Stellen mit einer solchen Wucht aus den Boxen, dass der Hörschaden unmittelbar mitschwingt. Und eng um die Lautsprecher scharen sich die Menschen. Dass die Boxen meistens schon den Geist aufgegeben haben und mehr Scheppern und Rasseln als klare Töne proudzieren – stört nicht.

Und bei den Mopeds scheint zu gelten „Wer am lautesten röhrt der hat gewonnen“. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie laut diese kleinen Dinger werden können. Ein startender Düsenjet ist nichts dagegen. Vor allem fahren die meistens nicht so viel in der Gegend herum.

Aber auch beim Arbeiten mit lauten Maschinen trägt hier keine Sau so etwas wie Gehörschutz.

Geschweige denn von Schutzbrillen. Egal ob Schweissen, Sägen oder Schleifen. Passiert alles mit Flipflops, nacktem Oberkörper und dem Kopf direkt am Gerät.

Wir haben uns ein paar Mal gefragt, ob das die Hölle oder das Paradies ist für Menschen, die in Deutschland für die Sicherheit am Arbeitsplatz sorgen.

Gleiches gilt aber für Tierliebhaber. Vor allem Hunde. Entweder man findet hier in den vielen verwahrlosten Straßentieren seine Lebensaufgabe. Oder verzweifelt anhand der vielen dürren und trauigen Gestalten überall.

Und für Menschen, die zu Hause irgendwas mit Strom und Kabeln, Sanitär oder Bauen zu tun haben – ich kann mir nur absolute Fassungslosigkeit oder grenzenlose amüsierte Faszination vorstellen. Was die hier zum Teil veranstalten ist wirklich unbeschreiblich.

Aber auch ihre Stärke: etwas funktioniert nicht? Also findet man schnell und unkompliziert eine Lösung. Pragmatisch, praktisch -nicht immer gut. Manchmal gefährlich. Oft kreativ. Und jedes Mal faszinierend. Plastikflaschen als Regenrohre. Kabel, die durch die Luft, über die Straße und in vielen Knoten locker verlegt werden. Ölkanister, die als Bojen, Gewichte oder Dekoration benutzt werden.

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Der Balinese lächelt. Und ist nett. Und höflich. Was toll ist. Mit der Zeit aber auch anstrengend werden kann. Einerseits, weil man  es einfach kaum schafft, mal einen Blick hinter diese lächelnde Fassade zu werfen. Was denken die Locals wirklich über die Touristenmassen? Wie geht es ihnen, wenn ihre Kultur mit Füßen getreten und ihre Insel zerstört wird. Nach einer Weile fängt man an, sich kontroverse Diskussionen statt pausenloser Lächelfassade zu wünschen.

Aber im Alltag ist es natürlich auch toll, wenn alle um einen herum strahlen, was das Zeug hält.

Den Satz „Ich geh mal auf mein Zimmer“ wird man hier nicht hören. Die Menschen hier leben anders. Oft gibt es nur einen Raum, in dem gekocht, gelebt und geschlafen. Manchmal werden einzelne Dinge in einen offenen Teil des Hauses ausgelagert. Aber einzelne Zimmer, vor allem für die Kinder, mit Tür & Co sind hier noch sehr ungewöhnlich.

Die Gamelan-Musik ist eine schöne Metapher dafür, wie Bali funktioniert. Ein Gamelan-Instrument alleine klingt eher nicht so geil. Ein Gamelan-Orchester hingegen klingt faszinierend. Bali funktioniert nicht ohne die Gemeinschaft. Das mag so nicht mehr für die größeren Städte im Süden gelten, wo der westliche Lebensstil sich immer mehr durchsetzt. Aber für den Rest der Insel ist der Zusammenhalt und die Dorfgemeinschaft nach wie vor Alltag und Lebensgrundlage. Von der Versorgung der Alten und Kranken bis zum Straßenbau und gemeinsam gestemmten Zeremonien.

Wer nichts wird, wird Winker. Und nicht Wirt. Gerade im Süden stehen überall – wirklich überall Menschen mit Kellen, Schildern oder Pfeifen, die einen aus Ein- und Ausfahrten hinauswinken. Egal ob Supermarkt, Modeboutique, Restaurant oder Bank. Überall wird gewunken. Den ganzen Tag. Und (fast) immer in Uniform.

Denn auf Uniformen stehen die Balinesen. Keine Ahnung warum. Nicht nur die unzähligen Winker haben welche an. Auch jeder Pförtner, jede Pseudo-Security und viele Servicekräfte. Auf den ersten Blick denkt mal „Huch, so viel Polizei“. In Wahrheit macht dieser Uniform-Wahnsinn es nur extrem schwer, zu erkennen, wer hier eigentlich wirklich was zu sagen hat und sich Polizei nennen darf.

Selbst im hinterletzten, verlassensten, ursprünglichsten Dorf, zu dem man eine halbe Stunde auf nicht-aspahltierter Straße fährt, gibt es Coca-Cola. Ich sehe den netten Vertreter richtiggehend vor mir, wie er im Laden steht, einen Kühlschrank für umsonst verspricht wenn dafür nur noch ihr Produkt verkauft wird. Und welcher Tropenbewohner sagt schon Nein zu einem geschenkten Kühlschrank?

Und es muss nicht unbedingt Cola, Sprite oder Fanta sein, die verkauft wird. Viel häufiger ist es einfaches Trinkwasser. Dass hier leider fast ausschließlich in den Händen internationaler Konzerne, wie eben Coca Cola, liegt. Danone-Wasser gibt’s hier überall.

Mie Goreng ist toll! Jedes Mal anders. Fast jedes Mal lecker. Aber nach drei Monaten freut man sich auch mal über ne Pizza. Die hier erstaunlich gut ist.

Man muss beim Fahren hier auf der Insel ständig drauf gefasst sein, dass einem Hähne, Hühner, Küken, Kinder, Affen, Hunde, Katzen, Gänse oder Ziegen in den Weg springen. Ist eben so.

Man kann alles an der Straße kaufen. Von (noch verständlichem) Obst und Gemüse zu Feuerwerk, FlipFlops und Opfergaben.

Nichts – wirklich nichts ist selbstverständlich. Auch nicht, dass Katzen einen „richtigen“ Schwanz haben. Haben die hier nämlich zum Großteil nicht. Meistens sind es halbe Schwänze, Knoten, Ecken oder Bommel, die wohl mal ein Schwanz werden sollten. Schade, denn dadurch verlieren Katz und Kater eine große Portion von ihrer Eleganz.

Bambus ist einfach für alles gut. Vor allem, wenn er 20 Meter hoch und ordentlich dick wird. Baugerüste werden hier nicht aus Metall, sondern aus Bambus gebaut. Auch ganze Häuser. Und Möbel sowieso. Und manchmal dient er einfach als Wäscheleine. Bambus ist toll.

„Some people who don’t have much are truly happy. And some people who have nearly everything are truly unhappy.“ und dieser Satz beschreibt Bali in großen Teilen auf den Punkt. Trotz all der unschönen Dinge, die ich in dieser Liste auch aufgeführt habe: der durchschnittliche Balinese lacht, lächelt und freut sich jeden Tag so sehr wie es der Deutsche wohl gerade mal im ganzen Jahr zusammenbringt.

Und außerdem: die Reisterrassen! Jedes mal anders. Jedes mal schön!