Musik auf der Borderline

Vom Hörer ins Herz | Musik - guter Freund und großer FeindLesezeit: 6 minuten

Musik auf der Borderline

Ein Post über Musik. Darüber, was für eine Rolle sie in meinem (Borderline-)Leben spielt. Darüber, was sie mit mir machen kann. Und dass das nicht immer schön ist. Ich mir aber trotzdem einen Tag ohne Musik nicht vorstellen kann. Und auch nicht möchte.


Dieser Artikel liegt mir schon so lange auf den Tasten bzw. im Ohr. Weil es eine Sache betrifft, die mich praktisch jeden Tag in der ein oder anderen Weise tangiert.

Marsha Linehan, die Begründern der DBT-Therapie hat einmal gesagt “People with BPD are like people with third degree burns over 90% of their bodies. Lacking emotional skin, they feel agony at the slightest touch or movement.” (grob übersetzt: „Menschen mit Borderline sind wie Menschen, die an 90% ihres Körpers Verbrennung dritten Grades haben. Ihnen fehlt die emotionale Haut, bei den leichtesten Berührungen oder Bewegungen fühlen sie wahre Höllenqualen“). Ich stimme ihr da generell zu, da hat sie gute Worte gefunden. Aber beim Thema Musik stimme ich ihr wohl noch ein bisschen mehr zu.

Die Macht der Musik

Dass es mich oft und gerne und heftig zwischen Launen und Stimmungen hin- und her wirft, dürfte dem aufmerksamen Leser inzwischen bekannt sein. Dass die Borderline mich immer wieder in das unberechenbare und heftig aufgewühlte Meer meiner Gedanken und Gefühle wirft, auch.

Auslöser dafür können viele Dinge sein. Eine Erinnerung, die wie ein Blitz aufleuchtet. Ein Satz, der gar nicht böse oder zweideutig gemeint sein muss – von meinem Kopf aber einmal durch den Wolf gedreht und neu interpretiert wird. Ein Blick, durch den ich vielleicht gar nicht gesehen werde, der bei mir aber ins Tiefschwarze trifft.

Und eine weitere, für mich eine unglaublich wichtige, unterstützende, wunderbare und gleichzeitig gefährliche, fast böse Sache, ist Musik. Musik schafft es so zuverlässig wie wenig sonst bei mir auf Knopfdruck die unterschiedlichsten Emotionen, Stimmungen, Gefühle und Launen auszulösen. Ich weiss nicht, ob du das kennst – dass ein Lied dich in den Himmel oder die Hölle schicken kann.

Ich liebe Musik. Von Filmmusik bis Indie, von Electro bis Rock. Nicht umsonst habe ich fünf Jahre lang in einer Band gespielt. Musik ist wichtig. In ihr kann viel ausgedrückt werden, das Worte allein nicht beschrieben können. Und sie kann einfach Spaß machen und gute Laune bringen.

Oder schlechte Laune. Sehr schlechte. Und Hoffnungslosigkeit, Trauer, Verzweiflung, Schmerz. Es muss nicht immer eine Erinnerung oder eine bestimmte Emotion sein, manchmal ist es auch einfach ein diffuses Scheiß-Gefühl.

Ich laufe durch die Stadt, bin in der Arbeit, stehe in der Küche – und dann passiert es. Die ersten Töne kommen und sofort ist alles da. Das komplette Programm. Der Moment geht in den Standby-Modus und ich werde mitgerissen. Die Noten tragen meine Gefühle in eine dunkle Ecke. Die Worte schicken meine Gedanken auf Talfahrt.

Die Musik versteht mich!

In der Vergangenheit habe ich Musik oft genutzt, um mich absichtlich noch tiefer in mein Loch zu bringen. Denn lange habe ich nach dem Motto gelebt „Einmal richtig tief rein und dann ist danach aber auch wieder gut.“ Zu diesem Zweck hab ich mir ganze Playlists angelegt, die mich möglichst schnell in eine möglichst „kaputte“ Stimmung bringen konnten. Und können.

Die Frage „Bin ich traurig, weil ich diese Musik höre oder höre ich diese Musik, weil ich traurig bin?“ hat sich bei mir oft erübrigt. Ich habe Lieder genutzt, um auf der Klaviatur der miesen Gefühle wahre Miseren-Orgien zu vollbringen. Und manchmal werden auch die positiven Lieder weiter geschaltet, weil ich noch ein bisschen in meiner Dunkelkammer bleiben möchte

So manches Lied da draußen schafft es einfach, Dinge auf den Punkt zu bringen, die ich genau so empfinde, aber für die ich selber einfach nicht den richtigen Ausdruck finde. Trifft leider am meisten für die nicht so schönen Seiten meines Lebens zu. Das fühlt sich einerseits gut an, weil es ein bisschen dieses „Ich bin nicht alleine“- Gefühl ist. Auf der anderen Seite kann es auch furchtbar weh tun, sein eigenes „Leid“ so geballt um die Ohren zu gehauen bekommen.

Ich weiß, dass viele Betroffene nur allzugut kennen werden, wovon ich hier schreibe. Dafür habe ich schon mit zu vielen geredet und war in der Vergangenheit in zu vielen Foren auf der Suche nach Liedern, die meine dunkle Seite noch ein bisschen besser und treffender in Töne und Wörter packt. Wie oft ist da zu lesen „Chester versteht einfach, wie ich mich fühle!“ und ähnliches.

In „normalen“ Ohren und Köpfen mögen die Lieder ganz anders klingen. Eine ganz andere Bedeutung haben (oder auch gar keine). Ganz andere Bilder und Gefühle hervorrufen. Aber ich kann ohne Zweifel sagen, dass es eine gut gefüllte Liste an Liedern gibt, die wohl die meisten Borderline-Betroffenen auf ihren Handys und MP3-Playern haben. Das kann kein Zufall sein.

Achtsamkeitsgegner Musik

Wo ich so über Musik und mein Verhältnis dazu nachdenke, fällt mir auf, dass sie manchmal für mich wie eine Anti-Achtsamkeit ist. Es gibt Lieder, die schaffen es einfach mich augenblicklich aus dem Hier und Jetzt zu holen und mich in meine innere Welt aus gestern und morgen zu stecken.

Da bin ich dann wieder Mitten drin, in einer Erinnerung, einem Gefühl, einem Gedanken. Und wie immer bei mir sind diese Emotionen, Stimmungen, Gefühle und Launen dann auch absolut absolut (Wiederholung gewünscht). Ich denke dann nicht „Ah ok, beim nächsten Lied bin ich dann wieder gut drauf“ sondern für die Dauer des Liedes gibt es nur dieses Gefühl.

Und ja, falls das nächste Lied ein absoluter Power-Happy-Song ist kann sich diese ganze Fahrt auch innerhalb von Sekunden wieder umkehren. Und auch das wird sich wieder absolut anfühlen. Klingt anstrengend? Ist es auch. Und genau so gut kann ein Lied der Anfang einer richtigen Talfahrt werden, aus der ich dann nicht mehr hinauskomme. Sondern in mir umherirre wir in einem inneren Gruselkabinett.

Das soll nicht heißen, dass Achtsamkeit und Musik nicht auch ein wunderbares Duo sein können. Manchmal „gönne“ ich mir bestimmte Lieder geradezu. Dann setze ich die Kopfhörer auf oder drehe die Anlage laut auf. Die Augen werden geschlossen und für die nächsten Minuten gibt es nur das Lied.

Eine Art Musik-Meditation also. Wenn meine Gedanken abschweifen hole ich sie wieder zwischen meine Ohren zurück. Und genieße. Das sind dann meistens keine von meinen „bösen“ Liedern, schon klar. Und wie nach einer „normalen“ Meditation fühle ich mich danach erfrischt und glücklich. Musik kann eben vieles bewirken. Schlimmes und Schönes.

Musik und die anderen?

„Aber dann hör doch einfach die Lieder nicht mehr!“ sagen jetzt bestimmt nicht wenige von euch. Das ist natürlich eine sehr naheliegende und in gewissem Rahmen auch genau die richtige Lösung.

Und ok, wenn ich eine wackelige Stimmung habe, dann schaue ich inzwischen ab und zu, dass manche Lieder erst gar nicht bis an meine Ohren kommen. Drücke sie direkt weiter, wenn sie es doch mal tun. Aber ich bin eben nicht immer Herrin über die gespielte Musik. Denn da gibt es ja noch diese zwei Dinge: Radio. Und andere Menschen.

Und so passiert es leider gar nicht so selten, dass mich eines „meiner“ Lieder kalt erwischt. Und weghören kann ich dann nicht. Das kann ich bei Musik generell nicht, sie ausblenden. Ich muss dann also mit dieser Delle in meiner Stimmungskurve klar kommen. Und abwarten, was die nächsten Minuten und Lieder so mit mir anstellen.

Schwierig wird es auch, wenn andere Menschen über eines von „meinen Liedern“ sprechen. Sagen, wie toll es ist oder wie sehr sie sich darin wiederfinden. Da meldet sich in mir automatisch ein „DU HAST DOCH KEINE AHNUNG!!!“ Und ich würde das Lied am liebsten nehmen, ganz fest an mich drücken und sagen „Ist schon gut, ich versteh dich wirklich!“.

Mal wieder weiß meine Ratio, wie bescheuert das ist. Weder kann ich in die Köpfe der Menschen schauen, die das Lied bis zu mir gebracht haben. Ich kann nicht wissen, welche Absichten, Gedanken, Gefühle dahinter stecken. Ich kann nur interpretieren. Mit meinem Kopf. Und genau so wenig kann ich anderen Menschen absprechen oder am besten sogar verbieten, einen mir wichtigen Song für sich auszulegen. Wer bin ich denn?

So manch einer in meinem Umfeld mag mich für einen kleinen Musik-Nazi halten, weil ich bei dem Thema doch sehr bestimmend sein kann und oft versuche bzw. auch schaffe, meinen Willen durchzusetzen. Vielleicht versteht ihr dieses Verhalten nach der Lektüre dieses Artikels ein wenig besser. Musik kann einfach wirklich „gefährlich“ für mich sein – ich meine das auf keinen Fall böse. Es ist einfach eine Art Selbstschutz. Euch mag ein Lied nicht gefallen, mich kann es in ein Loch fallen lassen.

At the mercy of music

Also, was tun? Wie lautet die Lösung? Keine Musik mehr hören? Ne danke, dann könnte ich mich wirklich gleich selber ausschalten.

Ich möchte nicht auf Musik verzichten! Keinen Tag und schon gar nicht für immer. Ich möchte Musik auch nicht schlecht reden oder verteufeln. Viel mehr möchte ich euch klar machen, wie viel Macht sie haben kann.

Und ja, in diesem Artikel geht es nun hauptsächlich um die zerstörerische Macht. Aber Musik hat ja auch tolle Seiten. Nicht nur kann sie gute Laune machen. Sie kann verbinden, sie kann erzählen, sie kann motivieren – ich finde immer wieder erstaunlich, zu welchen Zwecken Menschen Musik so alles einsetzen.

Der dunkle Teil, über den ich hier schreibe, ist wahrscheinlich nur ein sehr kleiner Teil davon – so global gesehen. Aber in meinem Leben eben doch ein sehr wichtiger und entscheidender. Aber deswegen werde ich nicht aufhören, gewisse Bands oder so manchen Song zu hören.

Einige von den Lieder, die mich durch meine „dunklen“ Jahre begleitet haben, sind einfach schöne Musikstücke. Haben tolle Texte. Sind geil arrangiert. Drücken was Einzigartiges aus. Oder sind auf andere Weise hörenswert. Sie also einfach kaltherzig zu verbannen, fühlt sich irgendwie falsch an.

Eine Teillösung lautet wohl oder übel, dass ich lernen muss, mit diesen Faustschlägen in die Gefühlsgrube umzugehen. Ein zweiter Ansatz ist, dass ich, so wie früher die Runterzieh-Playlists, es nun auf meinen diversen Geräten auch Raufzieh-Listen mit jeder Menge Gute Laune Songs voll Power und Spaß und Freude gibt.

Vielleicht nicht der hilfreichste aller Artikel. Aber das musste mal raus. Und jetzt: Musik ab!

 

2 Responses

  1. freakshow sagt:

    …ich lese meine Gedanken in deinem Blog: „Runterzieh-Playlists“. Meine wurde kürzlich frisch gefüllt und beamt sich in meinen Kopf. Meine derzeitigen Begleiter sind Elliot Smith, Absynthe Minded, Gravenhurst, Mintor Majority, Clueso, Thrice und einige weitere. Schaurig schön. Stimmungstechnisch aber abwärts-gerichtet und gewissermaßen lähmend.

    Die „Raufzieh-Liste“ war kürzlich geplant. Es kommen Zeiten wo sie bestimmt gefüllt wird.

    Ich hab deinen Blog gerade quergelesen und habe gedanklich jeden zweiten Beitrag kommentiert. „Die Macht der Musik: Vielleicht nicht der hilfreichste aller Artikel“ – aber dieser hat mich am Ende tatsächlich dazu bewegt. Warum? wozu? Keine Ahnung. Einfach weil deine Zeilen wahr sind.

  2. Laura sagt:

    Irgendwie beruhigend, dass man damit nicht alleine ist. Ein Lied, manchmal nur eine bestimmte Tonfolge und schon wird es seltsam. Irgendwie lande ich dann auch sehr schnell in der Vergangenheit, kann damit aber gefühlsmäßig aber nicht wirklich was anfangen und dann kommt dieser körperlich spürbare Druck in Brust/Kopf, der mich total wahnsinnig macht. Blöderweise lande ich dann ziemlich schnell in einer einer richtigen Gedankenspirale ala Täglich grüsst das Murmeltier. Immer ein und die selbe Erinnerung in Dauerschleife plus Druck/Anspannung. Und das müssen nicht mal schlechte Erinnerungen sein, aber die Anspannung macht einen dabei echt fertig. Allerdings kann man einem Lied schon seine Macht nehmen, es ist nur gefühlsmäßig wahnsinnig anstrengend. 40 Minuten das selbe Lied und aushalten bis sich der Anspannungstornado wieder verabschiedet kommt einem mentalen Marathon doch sehr nahe. 😉

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