Leben – und leben lassen

Dominique ist in den Bergen, springt in die Luft und freut sich am Moment – ohne zu überlegen, was andere vielleicht denken könntenLesezeit: 11 minuten

Leben – und leben lassen

Ein Beitrag über Erwartungen, über Vergleiche, Bewertungen, Perfektionismus und Authentizität. Über Freiheit und unsichtbare Gefängnisse unserer modernen Welt. Ein Beitrag, der mir so am Herzen liegt, dass darüber zu schreiben fast weh tut.

Und zwar weil hier so viel schief läuft. Und so viel Leid verursacht wird. Das wir so einfach verhindern könnten.


Dieser Artikel, dieses Thema schwebt schon eine Weile in meinem Kopf herum. Neulich gab es dann mal wieder so einen Moment – der auch zu einem Instagram-Post wurde – an dem ich gemerkt habe, wie frei ich heute von den Bewertungen anderer bin. Wie sehr ich bei mir und meinen Bedürfnissen bin. Und dass das noch vor wenigen Jahren ganz, ganz anders aussah.

Die vielen Reaktionen und Nachrichten auf diesen Post haben mir gezeigt, dass das ein Thema ist, was viele beschäftigt. In unserer Kultur, vielleicht besonders hier in Deutschland scheint „Was sollen denn die Leute denken“ leider zu oft der entscheidende Gedanke zu sein. Und nicht „Wie geht es mir dabei?“

Aber zum Anfang: worum geht’s hier überhaupt. Es geht darum, dass vielen von uns jeden Tag aufs neue, konstant und pausenlos, unsere Lebensfreude ein bisschen kleiner gemacht wird. Es geht darum, dass viele von uns überhaupt nicht mehr wissen, wer sie eigentlich hinter dem vielen „Ich muss noch“ sind. Was da für ein Mensch in ihrer Alltagshülle steckt, die sie jeden Tag durch die Welt tragen.

Leben – wie genau geht das?

Es geht darum, dass wir einen (zu) großen Teil unseres Handelns davon abhängig machen, was andere denken (könnten), sagen (könnten), erwarten (könnten). Dass wir zwar tun, was von uns (vielleicht) erwartet wird, aber darüber zu wenig das, was für uns gut wäre, sich eigentlich gut und richtig anfühlen würde.

Wo das reine Funktionieren hinführen kann, darüber gab es hier schon mal einen Artikel. In diesem Beitrag geht es noch einen Schritt weiter. Nämlich zu dem, was übrig bleibt, wenn Funktionieren vielleicht keine Option mehr ist – aus welchen Gründen auch immer. Wenn wir uns davon frei gemacht haben, selber entscheiden können – was passiert dann? Bei vielen Menschen, mit denen ich mich unterhalte, löst diese Vorstellung nur eins aus: Überforderung. Dabei könnte, sollte vielleicht sogar, dies vor allem eins auslösen: ein schönes Gefühl der Freiheit.

Ich treffe aber immer mehr Leute, die sich durch Erziehung, Gesellschaft, Beruf und andere soziale Konstrukte so weit von sich selbst entfernt haben, dass sie absolut keine Ahnung haben, wer sie eigentlich sind. Was sie wollen, was sie ausmacht, ihnen gut tut. Keinen blassen Schimmer von Träumen, Zielen, Wegweisern für die Zukunft.

Und ich glaube auch, dieses Phänomen ist mit ein Grund dafür warum wir uns so schwer tun, andere Menschen Leben zu lassen. Warum Neid, Missgunst, Hate-Speech, Mobbing und all ihre Nachbarn heute so gute Chancen haben. Weil wir vielleicht nicht wissen, dass wir uns selber irgendwie verloren haben, aber spüren tun wir es. Als Unruhe, als Unzufriedenheit. Weil wir sie aber nicht fassen können, nicht sagen können woher sie kommt suchen wir lieber im außen nach Lösungen, als vielleicht mal den Blick nach innen zu wenden.

Leben lassen?

Ich habe oft das Gefühl, wir Deutschen sind mehr damit beschäftigt was andere machen, oder nicht machen, denken (über uns und generell), wie sie sich kleiden oder welchen Hobbies sie haben, wie sie lachen oder gehen oder stehen oder ihr Glas halten oder in der U-Bahn beschäftigen – als mit uns selber. Dabei könnte uns das alles so egal sein. (Dass das in anderen Ländern anders ist, konnte ich erst wieder letztes Jahr in Kroatien beobachten. Dort herrscht eher eine „Ja mei, soll der halt machen“-Einstellung, wenn denn überhaupt jemand sich die Mühe macht über die Handlungen eines anderen nachzudenken.)

An sich wäre es ja gar nicht schlimm, wenn wir wissen was unsere Mitmenschen so treiben, wir uns für sie interessieren und es uns wichtig ist, wie es ihnen geht. Das Problem ist aber, dass dabei oft eine Spirale aus Bewertung, Erwartungen, Vergleichen und Emotionen ausgelöst wird, die am Ende dazu führen können dass Dinge, die uns eigentlich absolut nichts angehen, Kraft rauben – in dem wir uns ärgern oder vergleichen oder lästern oder schimpfen. Karma freut sich da nicht so richtig.

Weil diese Mechanismen bei uns aber so fest verankert sind, stecken wir mit drin. Machen eben mit, weil es ja irgendwie alle machen. Wenn man dann so Menschen trifft, die aus diesem Teufelsrad ausgestiegen sind, denen egal ist was andere denken, die einfach tun und lassen was sich für sie selber gut anfühlt, die in sich ruhen und zufrieden wirken, dann merken wir doch oft einen Unterschied zu uns selber. Solche Menschen haben sich frei gemacht von den vielen kleinen Angewohnheiten, die unser Leben am Ende unnötig beschweren.

Willkommen an Bord, Sozialphobie

Und ich selber schließe mich da in keinster Weise aus. Wie lange habe ich in Angst vor den Blicken anderer Menschen, vor dem Dauerfeuer an Bewertungen verbracht – und darüber hinaus vergessen, für mich zu leben. Sondern möglichst unbeschadet durch diesen Spießroutenlauf zu gelangen – von Lebensfreude keine Spur. Ducken, klein machen, anpassen, nicht auffallen, keine Angriffsfläche bieten.

Zu meinen Hochzeiten hat das ganze bei mir sogar zu einer Sozialphobie geführt. Jeder Kontakt, jede Interaktion mit anderen Menschen wurde zur Tortur. Ich fühlte mich, als hätte ich einen riesigen Scheinwerfer über mir und war mir sicher, jede noch so kleine Regung meinerseits wird geradezu vor Gericht gestellt. Diese Angst hat mich gelähmt, über viele Jahre.

Besonders in meinem Studium war sie alltäglicher Begleiter – mit einer der Gründe, warum aus dieser Zeit quasi keine Freund- oder auch nur Bekanntschaften übrig geblieben sind. In Vorlesungen saß ich, wann immer möglich, ganz hinten damit niemand mich beobachten konnte. Wie mit angehaltenem Atem saß ich dort, versuchte mich quasi nicht zu regen. Die Pausen habe ich alleine verbracht, im Sommer im Englischen Garten, im Winter irgendwelche Ecken in der Uni gesucht. Besonders schlimm waren Seminare oder Gruppenarbeiten, bei denen man sich nicht so gut hinter einer Masse an Kommilitonen verstecken konnte.

Vieles, das meiste davon habe ich nur meistern können mit der Unterstützung durch Mr. A. Die Angst, dass jemand etwas riechen könnte, kam dann aber noch zu den ganzen anderen Gedanken wie „Habe ich was im Gesicht? Etwas zwischen den Zähnen? Sehen meine Haare komisch aus?“ hinzu. Wenn ich heute nur dran denke, spüre ich gerade zu den puren Stress, der damals mein Alltag war. Ich war gefangen in diesem Käfig aus – am Ende – meinen eigenen Gedanken auf meine Umwelt, meine Mitmenschen bezogen.

Die Schlüssel zum Glück

Nun hat es bei mir sicherlich nicht geholfen, dass da noch drei andere Krankheiten mit herum gemischt haben. Aber heute weiß ich, dass dieses System auch ohne solche hervorragend funktioniert. Dass auch Menschen ohne Diagnosen an dieser Front kämpfen. Heute sehe ich, wie gefangen ich damals war, wie wenig frei. Wie fest eingespannt ich in all diesen Ängsten und Prozessen war, so dass mir keine Luft zum Bewegen blieb. Geschweige denn zum Leben. Und wie vielen anderen Menschen es so oder sehr ähnlich geht.

Es gab ein paar Schlüsselerlebnisse, die mir schließlich dabei geholfen haben, aus diesem Karussell auszusteigen: Da war zum Einen das Gespräch mit einem Kommilitonen. Durch meine Angst kannte ich zwar wenig Namen meiner Mitstudenten, aber praktisch jedes Gesicht – kenne Deine Feinde, sage ich nur. Als ich in eben diesem Gespräch dann erwähnte, dass wir ja zusammen studieren meinte er „Was? Ich hab Dich noch nie gesehen!“ – das war überhaupt nicht böse gemeint sondern ehrlich überrascht.

Für mich war es – im Nachhinein gesehen – eine Art Befreiung. Dachte ich doch so lange, all diese Menschen, die da mit mir im Hörsaal sitzen warteten quasi nur auf eine falsche Bewegung von mir, saß da nun dieser Junge und hatte keine Ahnung, dass wir oft in den gleichen Vorlesungen saßen. War da also vielleicht doch kein Scheinwerfer?

Heute erscheint es mir geradezu absurd zu denken, dass andere sich so viel mit mir beschäftigen. Heute weiß ich, dass die meisten Menschen viel zu sehr mit sich selber beschäftigt sind als darauf zu achten, wie meine Haare aussehen oder was ich in einer Psychologie-Vorlesung so tue und lasse. Weiß, dass nicht jedes Gelächter in der Fußgängerzone heißt, dass sich da jemand über mich lustig macht.

Keine Bewertungen für niemanden

Lange habe ich hier von mich auf andere geschlossen. Ich habe eben – auch Borderline-bedingt – sehr offene Filter, bekomme vieles mit, was um mich herum passiert. Meine permanente Angst, entdeckt, entlarvt zu werden hat diese Sinne noch geschärft. Dass nicht jeder Mensch so durchs Leben geht, dass das nicht „normal“ ist, musste ich erst lernen.

Dabei wiederum hat geholfen, als ich endlich meine Diagnosen hatte, meine Therapie begann und ich mich dort besser verstehen und kennen lernte. Nach und nach kam ich mir sozusagen selber auf die Schliche, meinen Ängsten, meinen Gedanken, warum ich wann und wie denke, handle, funktioniere. All diese (Therapie)Arbeit war bei meinem persönlichen „Befreiungsprozess“ ganz entscheidend und ist mit verantwortlich dafür, dass ich heute eine so viel höhere Lebensqualität habe.

Ein nächstes Schlüsselerlebnis hat mit dem Laufen zu tun. Auch das war früher für mich doppelt anstrengend weil ich – natürlich – ständig dachte, jeder Mensch der an mir vorbei geht, fährt, läuft urteilt über mich, meinen Laufstil, meine Atmung, mein Schwitzen, mein Tempo, …

Irgendwann bei einem Intervalltraining (man läuft abwechselnd sehr schnell und dann sehr langsam) kam der Gedanke „Je nachdem, wann mich jemand bei meinen Intervallen sieht, denkt er Was für eine schnelle Läuferin, die ist ja echt top in Form oder aber Boah ist die langsam, voll das Schneckentempo. Dabei weiß der- oder diejenige ja gar nicht, dass ich gerade Intervalle laufe?!“.

Was weiß ich schon?

Irgendwie hat das bei mir Klick gemacht. In Kombination mit dem Gedanken, dass die Leute sowieso meistens besseres zu tun haben als mich unter die Lupe zu nehmen, ließ mich das noch ein Stück freier vom ewigen Bewerten werden. Nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei anderen. Weiß ich denn, im übertragenen Sinne, ob die Menschen in ihrem Leben vielleicht gerade eine schnelle, anstrengende Etappe durchlaufen und deswegen so agieren? Meistens weiß ich es nicht.

Unser Gehirn bewertet ständig und alles „Die sieht ja nett aus! – „Der hat aber eine komische Hose an! – „Warum parkt der sein Auto so scheiße?!?“ In meinen Achtsamkeitskursen habe ich gelernt, das Bewerten immer weniger zu machen, sondern zu versuchen, objektiv zu beschrieben. Denn – so haben die Therapeuten immer gesagt: „Bewertung ist der Weg ins Gefühl“. Für unsere obigen Beispiele also: „Die Frau macht einen angenehmen Eindruck.“ (angenehm und unagenehm sind bei dieser Technik erlaubt, da sie eher beschreibend als bewertend sind) – „Die Hose dieses Mannes ist sehr ungewöhnlich“ – „Ein Mensch hat sein Auto auf dem Fahrradweg abgestellt. Dadurch kann ich dort nicht fahren. Das finde ich unangenehm.“ Und so weiter. Klingt erstmal komisch, hilft aber enorm.

Denn am Ende mache ich mich damit frei. Frei von anderen Menschen, die so oder so zu sein und zu tun und zu lassen haben – oder auch nicht.

Zurück zu mir

Und im übertragenen Sinne gilt meine Beobachtung vom Laufen auch für den Rest des Lebens. Ich weiß nicht, ob jemand gerade so doof geparkt hat weil vielleicht sein Kollege einen Schlaganfall hatte, die Frau so böse schaut weil ihr Mann sie gerade versetzt hat, die komische Hose den Menschen an einen ganz besonderen Moment erinnert. Und am Ende kann – und sollte es – mir einfach schlicht egal sein! Ich kümmere mich darum, wie ich schaue, was ich anziehe, wie ich parke – und auf Situationen reagiere. Lasse ich mir dadurch meine Laune verderben, ohne zu wissen was dahinter steckt? Oder lebe ich einfach – und lasse leben und spare mit damit am Ende einen Haufen Energie.

Und ich will nicht sagen, dass ich heute komplett ausgestiegen bin aus der ganzen Nummer. Aber es gibt doch deutliche Veränderungen. Durch viele kleine Schritte habe ich es in den letzten Jahren Stück für Stück geschafft, mir wieder näher zu kommen. Mich zu mir selbst vorzuarbeiten. Habe nach und nach Antworten gefunden auf Fragen wie „Was möchte ich eigentlich? Was ist mir wichtig? Was macht mich aus? Was macht mir Spaß? Was macht mich wütend? Worüber freue ich mich? Was tut mir gut? Was brauche ich?“

Wenn ich mich also mit einer früheren Version von mir selbst vergleiche, dann geht mein heutiges Ich in diesen Punkten durchaus als Sieger vom Platz.

Unvergleichlich

Aber nicht immer ist Vergleichen eine gute Idee. Es ist in gewisser Weise eng mit dem Bewertungsprozess verbunden. Beides Vorgänge, die quasi ständig mal mehr, mal weniger im Hintergrund, ablaufen. Wir vergleichen uns, offline und online, mit Freunden und Fremden, Promis und fiktiven Charakteren. Und selten trifft es ein Zitat wohl so auf den Kopf wie an dieser Stelle:

Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.

Søren Kierkegaard

Auch beim Vergleichen geht es eher darum, sich mehr am Außen als am Innen zu orientieren. Unbewusst befinden wir uns im ständigen Wettbewerb mit unserem Umfeld, vergleichen uns auf allen möglichen Ebenen. Leider verlieren wir meistens, wenn wir vergleichen. Denn wir tendieren beim Vergleichen dazu, uns einseitig zu orientieren, nach oben. Wir finden immer jemanden der schöner, schlauer, reicher, dünner, erfolgreicher ist, als wir selbst – besonders seit die sozialen Medien in unsere Leben getreten sind. Dass es auch noch Millionen Menschen gäbe, denen es schlechter geht als uns, die weniger haben, die nicht so gesund sind – wird ausgeblendet.

Der Vergleich ist am Ende also verzerrt, das Bild das wir erhalten entspricht nicht der Wahrheit. Und trotzdem erwarten wir am Ende nicht weniger von uns als Perfektion – in allen Bereichen gleichzeitig. Wir konzentrieren uns zu sehr auf das, was wir nicht haben und zu selten auf das, was wir haben.

Verhältnismäßig gut

Wenn wir es schaffen, diese beiden Seiten etwas mehr in ein gesundes Verhältnis zu bringen, dann haben wir schon ganz schön viel geschafft. Wenn wir Gratitude, also Dankbarkeit praktizieren und öfter mal den Fokus auf all die Dinge lenken, die eigentlich gerade gut laufen, die funktionieren, dann kommt bei vielen Menschen schnell die Erkenntnis, dass es ihnen verhältnismäßig gut geht.

Dann haben auch Dinge wie Neid oder Missgunst irgendwann immer schlechtere Karten. Weil wir auch hier sehen und sagen können, dass wir nicht wissen, was dahinter steckt. Ob der Nachbar mit dem riesigen Luxushaus zwar vielleicht ein riesiges Luxushaus hat, darin aber sehr alleine und unglücklich ist. Ob die junge Frau diesen Porsche nicht fährt, weil sie zu viel Geld hat sondern weil es ihr Kindheitstraum war, einen Porsche zu besitzen und sie die letzten 10 Jahre hart dafür gearbeitet hat.

Und das Magische daran ist, je mehr wir all das schaffen, je weniger wir (andere) bewerten, desto weniger wichtig wird, was andere über uns denken. Was wiederum dabei hilft, sich mehr und mehr nach den eigenen Bedürfnissen, nach dem was einem gut tut zu richten. Und eben nicht danach von dem man denkt, dass es einem jetzt gut tun müsste, damit andere gut über uns denken.

Lebens-Qualität

Was kommt dabei raus, wenn man das alles schafft, hinter sich lässt? Nun, aus eigener Erfahrung kann ich sagen: eine enorme Freiheit. Etwas, dass sich so viel mehr nach „Leben“ anfühlt als alles zuvor.

Na klar, bewerte auch ich weiterhin, stecke Menschen in Schubladen und vergleiche mich. Aber das läuft leise im Hintergrund, stört und beeinflusst mich kaum noch. Und wenn es sich diese Gedanken mal in den Vordergrund drängen wollen erkenne ich sie viel schneller, bin mir ihrer bewusst und kann entsprechend agieren. Auch sind sie ein gutes Zeichen dafür, dass mein Akku vielleicht etwas Ladung braucht, denn bei vollem Akku kommt diese Spirale praktisch gar nicht erst in Gang.

Den größten Teil der Zeit bin ich einfach ich, höre auf mich, bleibe bei mir. Bin – um dieses fast schon überbenutzte Wort dieser Tage zu nutzen – authentisch. Einfach ich. Trage, sage, tue, lasse, stehe, sitze, schaue, esse wie ich es eben brauche und fühle. Mit Ecken und Kanten und Fehlern. Ich überlasse mein Glück, mein Wohlergehen nicht mehr anderen Menschen.

Kein „Was sollen denn die Leute denken?“ sondern ein „Wenn die Leute mich anhand einer komisch sitzenden Haarsträhne bewerten, dann sind das ganz schön arme Menschen.“

Ist Authentizität also die Lösung, der entscheidende Schritt vom Funktionieren hin zum Leben? Einfach echt sein, unperfekt sein und sein Ding machen? Zum Teil ja, denn wenn ich einfach das tue, was sich für mich selbst richtig und gut anfühlt, mag es zwar am Ende immer noch nicht allen gefallen, aber wenigstens bin ich dabei echt. Kein Verbiegen um zu Gefallen. Dafür muss ich aber erstmal wissen, wer sich hinter den vielen Kompromissen, den Alltagsmasken und dem Funktionierenden Roboter in uns eigentlich verbirgt. Und das ist dann wohl die eigentliche Arbeit.

Mein Wunsch: Mehr „Leben“ für alle

Ich wünsche mir, dass wir anderen Menschen nicht so viel Macht über uns geben – sondern bei uns bleiben, uns um uns kümmern, uns glücklich machen – und nicht darauf warten, dass andere es tun.

Ich wünsche mir, dass wir uns öfter bewusst machen dass wir eben nicht sehen können, was im Leben anderer Menschen gerade vor sich geht. Dass wir ihre Gründe und Kämpfe nicht sehen, nicht in ihren Schuhen laufen und damit keinerlei Recht haben, über all dies zu urteilen.

Ich wünsche mir einfach, dass wir alle freier sind – und damit näher bei uns. Dass wir uns frei machen vom Bewerten, Vergleichen, Erwartungen und unrealistischen Ansprüchen an uns.

Ich wünsche mir, dass wir einfach ein bisschen netter zueinander sind, und nicht Gehässigkeit und Schadenfreude das Zepter überlassen; dass Compassion und Kindness das Zepter übernehmen – zu allererst in unserem eigenen Leben, damit wir sie dann weiter in die Welt geben können.

Zum Abschluss dieses Posts bleibt mir nur noch der innige Wunsch, dass noch viele Menschen da draußen den Unterschied erleben dürfen, den ich heute jeden Tag lebe. Von der Studentin die gefangen war, abhängig von Blicken, Bewertungen, Erwartungen anderer hin zu einer Dominique, die erstmal in sich rein fühlt und schaut und fragt, bevor sie handelt. Die nicht nur mehr, überhaupt lebt, sondern auch andere leben lässt.