Das Buch der Stunde #1

Das Glück dieser Erde .... liegt manchmal zwischen den Seiten eines Buches. Wie bei diesem hier.Lesezeit: 7 minuten

Das Buch der Stunde#1

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben von Matt Haig


Eine neue Kategorie ist geboren: Bücher, die es sich zu lesen lohnt; die mit den Themen auf diesem Blog zu tun haben; die mir geholfen haben, die bei mir etwas ausgelöst oder verändert haben.

Ich bin keine professionelle Buchkritikerin. Wie eine »gute/richtige« Rezension auszusehen hat, weiß ich nicht. Und darum geht es mir auch nicht. 

Mir geht es darum, ganz im Sinne des schönen Postkartenspruchs »Glück ist das einzige, was größer ist, wenn man es teilt« mit euch zu teilen, wenn ein Buch, ein Text, ein Autor es geschafft hat, mein Herz, mein Hirn oder im Idealfall sogar beides zu bereichern.


 

Den Anfang macht »Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben« vom britischen Autor Matt Haig.

Zugegeben, der Titel klingt erstmal ganz schön drastisch. Das Buch ist dann aber gleichzeitig ernst und leicht und hilfreich und warm und humorvoll – zu gleichen Teilen.

Die Dommi und das Lesen

Ich lese gerne und viel. Meistens mehrere Bücher gleichzeitig, dazu noch Zeitschriften, Zeitungen und natürlich online, Artikel und Blogs.

Am wenigsten lese ich wohl Fiktion, was aber nicht heißt dass alles, was ich lese hat mit kaputten Köpfen zu tun hat. Aber es macht schon einen großen Teil aus. Ich lese und lerne einfach gerne über »meine« Themen – seien das Borderline, Depression, Sucht oder Reisen, Berge, Sport, Laufen, Yoga, Achtsamkeit, Social Media, Bloggen, Buddhismus, Coachen, Meditation und all die Themen in den Peripherien dieser Themen. Ihr seht: breit gefächerte Homogenität =)

Nun habe ich mich in der letzten Zeit immer wieder dabei entdeckt, wie ich dachte »Mensch, dieses Buch ist so toll/diese letzte Seite war so gut/diese Wörter beschreiben so genau – das möchte ich eigentlich gerne teilen!« Am liebsten mit der Welt, wenigstens aber mit den Menschen, die sich auch für das ein oder andere meiner Themen interessieren.

Und deswegen sitzen wir jetzt hier zusammen.

Ziemlich gute Gründe …

Der britische Autor Matt Haig

Der britische Autor Matt Haig

… euch dieses Buch zu empfehlen. Ich habe schon einige Bücher rund um Depressionen gelesen. Nicht nur Fachbücher, sondern immer wieder auch biografische Erzählungen. Das Buch von Matt Haig sticht aus diesen Büchern aber deutlich heraus.

Ich bin ehrlich und sage euch, dass mich das Buch nicht von der ersten Seite an gepackt hat. Am Anfang dachte ich noch, das Thema Angststörungen und Panikattacken würde eine zu große Rolle einnehmen – was an sich sehr interessant ist, aber eben keines meiner primären Problemfelder.

Ich hatte das Buch aufgeschlagen mit der Hoffnung, die Geschichte eines Leidensgenossen lesen zu dürfen. Vielleicht sogar eine Geschichte mit Happy End? (Nein, kein Spoileralarm an dieser Stelle =).

Was ich dann aber wirklich in den Seiten dieses Buches gefunden habe, geht weit über meine Hoffnung hinaus. Ich habe gelernt – über mich, über die Krankheit, über das Leben. Ich habe gelacht, ich habe gehofft, ich habe geschimpft. Und vor allem: die letzte Seite mit großer Zufriedenheit lesen können. Ohne blöden Nachgeschmack. Ohne enttäuschte Hoffnungen. Sondern bereichert und begeistert.

Wie die Krankheit, so das Buch

Das könnte im ersten Moment böse klingen, ist aber unheimlich positiv gemeint.

Ob Absicht oder Zufall, schon der Aufbau des Buches erinnert mich an die Krankheit Depression. Nicht jeder Tag mit ihr ist gleich, auch wenn viele sich gleichen. Es gibt solche und solche Phasen. Was dir gestern noch selbstverständlich schien, liegt morgen außerhalb deiner Vorstellungen. Was dich gestern beschäftigt hat, hast du heute vergessen.

Wenn die Depression gerade mal wieder aktiv ist, dann weiß ich nicht, was mich in den nächsten Stunden und Tagen erwartet. Welche Gedankengifte die Krankheit für mich auf Lager hat. Ich weiß nicht, ob sie mich in dunkle Erinnerungen oder eine schwarze Zukunft schickt.

Die Gedanken und die Zeit springen umeinander herum. In der Krankheit, wie im Buch. Neben der ganzen Unsicherheit ist eines aber sicher: die Depression ist da. Voller Wucht in erster Reihe, oder unterschwellig und über Umwege.

Ein schwarzer Faden

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben ist keine durchgehende Erzählung, beschreibt aber trotzdem den Weg einer Besserung. Manche Kapitel, die nahe beieinander stehen haben wenig miteinander gemein. Andere, zwischen denen viele Seite liegen, sind miteinander verbunden.

Haig mischt Gedankenbrocken, Listen, Anekdoten, Ratschläge, Beobachtungen und schafft es auch in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt immer einen roten Faden beim Leser zu lassen.

Für wen ist dieses Buch?

Ganz ehrlich? Mir fällt niemand ein, der dieses Buch nicht lesen wollen/sollen könnte. Haig schafft es ganz klar, der sonst immer sehr unifarbenen, dunklen Materie Depression Facetten zu geben, Farben, Abstufungen.

Angehörige werden nach der Lektüre dieses Buches »ihren« Betroffenen vielleicht besser verstehen können.

Betroffene werden nach der Lektüre dieses Buches vielleicht neben Mut und Hoffnung auch ein paar leichtere Minuten geschenkt bekommen haben. Wenn du gerade mitten drin steckst in einer dunklen Wolke und die Konzentration dir das Lesen schwer macht, dann lass dir gesagt sein: die oft kurze Kapitellänge und die unkomplizierte Art vom Autor zu Schreiben erlauben auch kurze Leseeinheiten.

Interessierte und Fachleute erhalten einen interessanten, realitätsnahen Eindruck wie die Krankheit Depression von innen aussieht. Das Buch ist eine Chance, das eigene Wissen zu erweitern und bereichern.


Um euch eine Vorstellung von diesem wunderbaren Buch zu geben und um euch zu zeigen, warum ich es für so gelungen halte, habe ich euch drei Ausschnitte herausgesucht, die vielleicht einen Eindruck von diesem kleinen Meisterwerk geben können. Seine Lektüre ersetzen, können und wollen sie aber in keinem Fall.

Ausschnitt 1: Die Liste

Ich arbeite gerade selber an einer Zusammenstellung von Tipps, Hinweisen und Anregungen für Angehörige im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen. Ob ich das so wundervoll und so auf den Punkt bringen werde können wie Haig, weiß ich noch nicht:

Wie man für jemanden mit Depressionen und Ängsten da ist

1. Du wirst gebraucht und geschätzt, verlass dich drauf, auch wenn es nicht immer so aussieht

2. Hör zu.

3. Sag nie: »Reiß dich zusammen« oder »Kopf hoch«, es sei denn, du lieferst eine detaillierte, narrensichere Anleitung mit. (Liebevolle Strenge funktioniert nicht. Am Ende hilft ganz allein die gute alte »Liebe«.)

4. Sei dir immer im klaren: Es ist eine Krankheit. Dinge werden gesagt, die nicht so gemeint sind.

5. Lerne. Begreife vor allem, dass das, was dir leicht vorkommt – Einkaufen zum Beispiel –, für einen Depressiven eine nicht zu bewältigende Aufgabe sein kann.

(…)

7. Hab Geduld. Mach dir klar, dass es nicht leicht wird. Depressionen sind wie Ebbe und Flut, sie schwellen an und ab. Sie bleiben nie gleich. Nimm einen glücklichen/schlimmen Moment nicht als Beweis für die Genesung/einen Rückfall. Es kann länger dauern.

(…)

10. Wenn möglich, gib dem Depressiven nicht das Gefühl, seltsamer zu sein, als er sich sowieso schon fühlt. Drei Tage auf dem Sofa? Nicht die Vorhänge aufgezogen? Tränen wegen schwieriger Entscheidungen wie zum Beispiel, welche Socken anziehen? Na und? Kleinigkeit. Einen Normalstandard gibt es nicht. Normal ist subjektiv. Auf unserem Planeten gibt es sieben Milliarden Versionen von normal.

S. 150 f

Ausschnitt 2: Das Reisen

Dass Reisen mir gut tut, weiß ich schon länger. Der Name traveling | the | borderline kommt ja nicht von ungefähr. Aber ich habe mir nie so richtig Gedanken darüber gemacht, warum das eigentlich so ist. Seit ich diese Passage in Matts Buch gelesen habe, weiß ich es vielleicht:

Paris

(…)

Noch etwas: Stimulation, Aufregung, von der Sorte, die man an neuen Orten findet. Was manchmal furchterregend ist, kann auch eine Befreitung sein. An vertrauten Orten beschäftigt sich das Gehirn nur mit sich selbst. Es hat nichts Neues zu registrieren, wenn du bloß in deinem Zimmer sitzt. Keine potentiellen äußeren Gefaren, nur innerliche. Aber wenn du dich zwingst, Neuland zu betreten, vorzugsweise tatsächlich ein anderes Land, konzentrierst du dich unweigerlich ein bisschen mehr auf die Welt außerhalb deines Kopfes.

(…)

Für viele depressive Menschen ist das Reisen ein Gegenmittel für ihre Symptome.

(…)

Natürlich sind Reisen nicht immer eine Lösung. Oder auch nur eine Möglichkeit. Aber mir hilft es immer, wenn ich die Gelegenheit habe wegzukommen. Ich glaube, vor allem rückt es die Perspektive zurecht. Wir stecken oft mit unseren Gedanken fest, aber wir stecken nicht an einem Ort fest. Uns an einen anderen Ort zu begeben, kann helfen, uns aus unserem unglücklichen geistigen Zustand herauszuhebeln. Bewegung ist das Gegenmittel zu Stillstand. Und es hilft. Manchmal. Nur manchmal.

S. 176 f

Abschnitt 3: Das große Ganze

Haig geht aber in seinem Buch auch immer wieder über seine ganz eigene Krankheitsgeschichte hinaus. Stellt Zusammenhänge her, analysiert und beobachtet unsere Gesellschaft. Und hat auch hier wieder eine große Erkenntnis, die wir eigentlich alle in uns tragen, in wenigen Worten greifbar und präsent gemacht:

Die Welt

Die Welt wird immer stärker darauf ausgerichtet, uns unglücklich zu machen. Glück ist nicht gut für die Wirtschaft. Wären wir glücklich mit dem, was wir haben, warum sollten wir dann noch mehr wollen? (…)

Ruhe wird zum revolutionären Akt: glücklich sein mit einer Existenz ohne Upgrades. Zufrieden sein mit unserem nachlässigen, menschlichen Ich, das wäre nicht gut fürs Geschäft.

Aber wir haben nur diese eine Welt. und wenn wir genau hinsehen, ist die Welt der Waren und der Werbung nicht das wirkliche Leben. Das Leben sind die anderen Dinge. Das Leben ist das, was übrig bleibt, wenn man das ganze Zeug wegnimmt oder zumindest für eine Weile ignoriert.

Das Leben sind die Leute, die dich lieben. Niemand würde wegen eines iPhones am Leben bleiben. Was zählt, sind die Menschen, die wir mit dem iPhone erreichen.

Und wenn es uns langsam besser geht, wenn wir wieder leben, dann sehen wir das Leben mit neuen Augen. Vieles wird klarer, und wir achten auf Dinge, auf die wir vorher nicht geachtet haben.

S. 220 f

Drei Danke – eine Bitte

Abschließen werde ich diesen Artikel mit einem Danke. Oder gleich mehreren:

Danke an Matt Haig, für dieses offene, ehrliche, direkte, wunderbare, ergreifende und wertvolle Buch.

Danke an den dtvfür den Mut und die Entscheidung, dieses Buch in ihr Programm aufzunehmen. Und für die tolle Kooperation im Vorfeld dieses Artikels.

Danke an meinen Kopf, dass er es mir trotz der vielen Dunkelheit, Kriege und Kampfarenen darin noch erlaubt, mit Wörtern, Texten und Büchern immer wieder Lichtblicke, Hoffnungsschimmer und Sonnenschein-Momente zu erleben.

Und meine Bitte: wenn euch gefallen hat, was Matt in seinem Buch und ich über ihn geschrieben habe, dann führt euch dieses Buch zu Gemüte. Ob direkt beim dtv, beim Buchhändler eures Vertrauens oder – wenn das Geld vielleicht gerade knapp, der Wille aber da ist – der örtlichen Bücherei. Ihr werdet es nicht bereuen.


Buchcover »Ziemlich beste Gründe« von Matt Haig

Buchcover »Ziemlich beste Gründe« von Matt Haig

»Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben«

von Matt Haig
dtv Allgemeine Belletristik
Deutsch von Sophie Zeitz
Deutsche Erstausgabe, 304 Seiten, ISBN 978-3-423-28071-6
18. März 2016

EUR 18,90 € [DE], EUR 19,50 € [A]

Dieser Artikel entstand mit der freundlichen Genehmigung und Unterstützung des dtv.

Meine Meinung wurde weder vom Verlag angefragt, gekauft oder beeinflusst – ihr lest einfach was ich über dieses Buch denke und wie ich fühle.