Überraschungsgast Depression

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Hallo Depression! Dich hab ich ja lange nicht gesehen. Ist ja wirklich nett, dass du mal wieder vorbeischaust. Aber eigentlich hab ich gerade gar keine Zeit.

Überraschungsgast Depression

Wow! Nächste Woche ist es soweit. traveling | the | borderline geht endlich online. Ich habe heute überraschend frei. Eigentlich bräuchte ich jede Minute um an den letzten (und vorletzten und eigentlich noch in Rohform vorhandenen) Dingen auf der Seite zu arbeiten. Aber heute ist nicht so mein Tag. Die Motivation ist weg. Dafür ist die Depression da. Gestern stand sie überraschend vor der Tür. Damit hatte ich nicht gerechnet. Vor allem, da sie in den letzten Wochen und Monaten das Interesse an mir verloren zu haben schien.

Aus der Energie und Vorfreude, die mich die lezten Tage, Woche und Monaten angetrieben hat, ist eine große Schwere geworden. Jede Bewegung, jede kleine und kleinste Handlung, verlangt mir Kraft ab, die sonst für einen Halbmarathon reichen würde. Den ich letztes Wochenende erst gelaufen bin. Und der gleiche Körper hängt jetzt auf der Couch und will genau dort auch für immer bleiben.

Update eine Woche später:

Das kam überraschend. Zu mehr als den Worten oben hat es am Anreisetag der Depression nicht mehr gereicht. Dafür möchte ich jetzt noch ein paar Sätze schreiben.

Erstmal, für alle, die es noch nicht wissen: Ja, Borderline und ich haben noch eine dritte Mitbewohnerin. Sie heißt Depression. Sie ist ein eher anstrengender Hausgast. Mal lässt sie sich wochenlang nicht blicken, und dann nistet sie sich wieder hartnäckig auf der Couch ein.

Dass es sich bei mir offiziell um eine Depression handelt, weiß ich erst seit meiner Zeit in Hamburg. Klar, gerade in der Pubertät hatte ich Phasen, in denen es mir richtig schlecht geht. Das volle Programm, Selbstmordgedanken, Hoffnungslosigkeit und Motivationskrater. Aber diese Phasen sind auch immer wieder vorbeigegangen. Also konnte es sich in meinen Augen nicht um eine „richtige“ Depression handeln. Dafür ging es mir ja viel zu gut. Was ein Irrtum.

Depression? Ich doch nicht!

Vielleicht habe ich die Depression auch einfach nicht offiziell einziehen lassen. Mein oberstes Gebot für viele Jahre war nun mal „Niemand soll merken, dass es mir schlecht geht. Dass ich kaputt bin.“ Vor allem habe ich das gemacht, um meine Mutter zu beschützen. Sie hatte schon genug mit der Krankheit meines Vaters zu kämpfen. Da wollte ich ihr nicht noch mehr Sorgen machen. Also alles dafür getan, damit das Bild der fröhlichen, aktiven und klingelnden Dommi das einzige bleibt, was die Leute kennen und sehen.

Irgendwie bin ich heute dankbar dafür, dass ich diese Art von Über-Ich hatte und habe. Es hat dazu geführt, dass ich nie Sachen gemacht habe, die mir wirklich Ärger oder ernsthafte negative Konsequenzen beschert hätten. Klar, Dummheiten habe ich gemacht. Aber damit alles am Laufen blieb musste ich das Ruder immer in der Hand behalten. Wie gesagt, Leitmotiv „Niemand darf mitbekommen, wie sehr ich jeden Tag kämpfe.“

Hat funktioniert. Die depressiven Phasen waren und sind da. Aber es gab immer wieder einen Grund, der meinen Hintern in die Luft gebracht hat. Tagelang nicht zur Schule/Arbeit/Uni gehen? No way – fällt auf, gibt Fragen. Nichts essen, nicht duschen, nur trinken? Geht, aber nicht zu lange. Sonst: Fragen.

Lieber Schein als Sein

Und wenn Fragen von anderen oder Sorgen um die eigene Person das Eine sind, was man vermeiden möchte, dann mobilisert man Kräfte. Ich wollte alles, was in diese Richtung ging, so sehr vermeiden, dass ich alles, wirklich alles danach ausgerichtet habe. Das Hauptziel war, einen so gesunden und glücklichen Eindruck zu machen, dass niemand auch nur auf die Idee kommen könnte, das mit mir etwas nicht stimmt.

So habe ich es also viel Jahre geschafft, mehr oder weniger heil durchs Leben zu gehen. Schwieriger wurde es dann, als mit Abitur und dem Auszug von daheim das Korsett lockerer wurde, in dem ich mich bewegen musste. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass genau diese Struktur mir auch wirklich geholfen hat. Und dass Tage oder Phasen, an denen ich keine Verpflichtungen, Aufgaben oder Termine habe, für mich gefährlich sein können.

Zurück zum Heute

Für den Moment bleibt es bei diesem kurzen Ausflug in die Geschichte von mir und meiner Depression. Was aber war dieses Mal der Auslöser? Beim nächsten Termin bei meiner Therapeutin sind wir darauf gekommen, dass es mittlerweile Dinge in meinem Leben gibt, die mich im Lot halten. Die dafür Sorgen, dass ich bei mir bin und nicht aus der Bahn geworfen werde.

Das sind vor allem 5 Dinge:

  Meditation, Yoga und Achtsamkeit

  Sport bzw. Bewegung generell

  gesunde Ernährung, dazu gehört auch kein oder wenig Alkohol

  genug Schlaf

  Zeit für mich

Wie ich inzwischen weiß, kommen alle diese Aspekte auch in verschiedenen Modulen der DBT vor, aber dazu später mehr.

Der Zug ist entgleist

Normalerweise schaffe ich es, all das in meinen Alltag einzubauen. Manche schütteln den Kopf über die Sturheit und Disziplin mit der ich zum Beispiel Sport treibe. Aber ich habe in den letzten Monaten nun mal gelernt, dass er wichtig für mich ist. Nicht umsonst wird regelmäßige Bewegung immer wieder als das wirksamere Antidepressivum betitelt.

Nun kam es also, dass ich durch verschiedene Umstände ein bisschen von meinem Kurs abgekommen bin. Mein Zug ist quasi vom Gleis gerutscht. An zu vielen Tagen hintereinander haben ein oder mehrere Bereiche gelitten. Und das war nicht gut. Dazu kam noch, dass ich ein paar Tage weg war. In den Bergen – was ich Liebe. Dann musste ich von den Bergen weg – was ich hasse. 

Alles in allem also leider ein ungute Kombination für mich. Aber: durch die Arbeit und damit wieder einem äußeren Rhythmus kam der Zug langsam wieder aufs Gleis. Ich habe meine Routine wieder aufgenommen und sitze wieder im Führerhäuschen.

Schön war es nicht. Aber ich versuche, weiter draus zu lernen. Ganz vermeiden werde ich solche depressiven Phasen wohl nicht. Aber ich kann daran arbeiten, dass sie weniger werden. Und ich besser drauf vorbereitet bin. Indem ich auf mich aufpasse.