Alarmstufe Stress

Ich liege auf dem Boden, fasse mir an den Kopf und blicke dem Stress in die Augen.Lesezeit: 8 minuten

Alarmstufe Stress

„Es geht mir ja gar nicht darum, dass ich Glück haben will. Einfach kein Pech mehr würde mir schon reichen…“ Diesen Satz habe ich mich vor drei Tagen sagen hören. Und er fasst die Situation derzeit irgendwie ganz schön gut zusammen. Ein Blogpost für mich – weil schreiben mir hilft. Ein Blogpost für alle, die gerade auch mit ihrem leeren Akku kämpfen, die am liebsten alles hinschmeißen möchten, die gerne mal ein paar Tage Pause vom eigenen Leben machen würden. Nimm das, Stress! Das hier ist für uns.


Während ich beginne zu schreiben kommt da die Stimme im Kopf „Aber eigentlich wäre ganz dringend der Blogartikel über die Schwangerschaft und das Mutter werden mit einer psychischen Erkrankung im Background und die ersten Monate mit Tigermädchen und überhaupt… ja stimmt. Den Artikel will ich schon seit Wochen veröffentlichen, vertröste die Crowd auf Instagram und Co immer wieder.

Leben voll – Akku leer

Und da sitzen wir schon Mitten im Salat. Zu viel. Zu viel von allem. Zu viel „Ich muss noch, ich will noch, ich sollte“. Und irgendwie am Ende des Tages zu wenig Stunden, am Ende der Woche zu wenig Tage, am Ende des Monats zu wenige Wochen. Ich strample und strample um aus dem Meer an ToDos und Aufgaben rauszukommen, aber es ist wohl kein Wasser sondern eher Treibsand, denn irgendwie sinke ich immer tiefer ein. Obwohl oder vielleicht weil ich so sehr strample.

Der Akku ist leer. Da bin ich mit Sicherheit nicht alleine. Schon zu „normalen“ Zeiten – was auch immer das bedeutet – lautet die Antwort auf die Frage „Wie geht’s?“ bei vielen von uns „Viel.“ oder „Muss ja.“ oder „Stressig.“ oder so ähnlich.

Die Pandemie hat die Situation nicht gerade verbessert. Nach dem Durchatmen, das der erste Lockdown vielen von uns beschert hat wäre es dann doch langsam mal nett, wenn wenigstens an dieser Front Normalität einkehren würde. Tut es aber nicht. Stattdessen schreiben wir gerade neue Rekorde und sitzen mitten in der vierten Welle, was eine ganz eigene Dimension der Unfassbarkeit umfasst.

Einfach mal auf mein Leben blickend kann ich sagen: dass ich trotz allem, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, noch stabil stehe ich ein mittleres bis großes Wunder. Und/oder harte Arbeit. Denn das ist es.

Stress vs. Dommi – 1:0

Seit 27 Monaten kein Durchatmen mehr. Und dabei spreche ich nicht mal von Urlaub. Soweit vermag mein Kopf derzeit kaum noch zu denken. Im Herbst 2019 begann der Umbau vom BERG & MENTAL. Wochen, in denen wir durchgepowert haben um pünktlich zur Weihnachtszeit eröffnen zu können – und wir haben es geschafft. Das fortlaufende hohe Arbeitspensum rund um die Eröffnung hat mich ja dann auch nochmal in ein schönes Tief geschickt, wie ich es lange nicht kannte. Schnell draus gelernt, Pensum und Strukturen angepasst – Auftritt: Corona.

Es folgen Monate der (finanziellen) Unsicherheit, der Auflagen, der Versuche dieses Projekt durch und aus der Krise zu führen. Die emotionalen, mentalen, finanziellen, menschlichen, organisatorischen, zeitlichen, kognitiven Ressourcen, die uns das Auf und Ab für die nächsten eineinhalb Jahre kosten sollte, passen auf keine Mammut-Haut. Und trotz aller Anstrengungen dann im Spätsommer 2021 die Entscheidung: wir schaffen es nicht.

Wenn das Projekt gerade stillsteht, dann powern wir eben ins nächste um das beste aus der Situation zu machen, unsere Arbeit weiter zu machen, all die Verluste irgendwie auszugleichen. Auftritt: Mental Health Guide.

Und ebenso Auftritt: viele Workshops, Vorträge, Veranstaltungen in Unternehmen, Organisationen, (Hoch)Schulen – die wir teilweise Corona zu verdanken haben.

Monatelange 6-Tage Wochen in denen „40-Stunden-Woche“ geradezu nach Urlaub klingt. Und gleichzeitig versuchen, mit vereinzelten Tagen in den Bergen, einer möglichst guten Selbstfürsorge das System am Laufen zu halten – Ausfallen ist keine Option.

Darf’s noch etwas mehr sein?

Hinter den Kulissen des Unternehmens personelle Wechsel und Täler auf allen Ebenen. Wir haben ja mit dem Außen nicht schon genug zu tun… 

Ach ja, und dann ist da ja auch noch das Privatleben. Indem erst eine Fehlgeburt (dazu irgendwann mehr im oben angesprochenen Artikel – er kommt, versprochen), dann eine Schwangerschaft und inzwischen sechs Monate mit unserem Tigermädchen, deren Lächeln uns immer wieder alles andere vergessen lässt. Die unseren Akkus auf so ungekannte Weise auflädt – und ja, auch Energie kostet aber ebenso auf andere Art und Weise als Stress und Arbeit es jemals könnten.

Ebenso wie der private Umzug – der wohl die beste Entscheidung war, die wir treffen konnten. Der aber natürlich trotzdem Zeit, Kraft, Energie und Nerven gekostet hat.

Ich bin sicher, ich vergesse hier gerade vieles. All die kleinen und großen Kämpfe und Kämpfchen, all die kurzen und langen Talfahrten, all die Steine und Hindernisse. All der Mental Load, den das Leben und der Alltag noch so für uns bereit halten. Die Dinge, die wir gerne irgendwie übersehen, weil sie halt so nebenbei laufen.

Und ja, natürlich gab es auch in diesen zwei Jahren schöne Momente, Tage, Phasen, Erlebnisse und Begegnungen. Mich auf diese zu konzentrieren, das gute in dieser ganzen Situation zu sehen ist eine Fähigkeit, die ich geradezu perfektioniert habe und die ein wichtiger Skill ist, der mir wohl auch dabei geholfen hat, nicht schon lange den Kopf zu verlieren. „Hallo, Resilienz“ trifft es da ganz gut.

Heute und hier will ich aber mal nicht mehr das Positive sehen. Will schimpfen und jammern und rauslassen – ohne Kompromisse.

Alles muss raus!

Denn in den letzten Tagen haben uns von mehren Fronten nochmal schlechte Nachrichten erreicht. Privater, menschlicher, arbeitstechnischer, finanzieller Natur – und ich frage mich einfach langsam: „Was noch? Was haben wir in einem früheren Leben verbrochen, um gerade so viele und immer wieder etwas auf den Deckel zu bekommen?“ Eigentlich wollen wir mit unserer Arbeit, mit dem BERG & MENTAL, mit der Crowd die Welt besser machen, wollen helfen, Hoffnung und Mut machen, Aufklären und Verändern – aber bekommen vom Leben nach und nach eins in die Fresse…

Werden von Menschen enttäuscht, von Ämtern und Behörden geärgert, vom Schicksal bestraft und wieder und wieder mit Pech übergossen.

Langsam weiß ich nicht, wie viele Schläge in die Magengrube wir noch schaffen. Habe Angst, was Tigermädchen von all dem mitbekommen – na klar, bekommt sie was mit – und dass auch sie Schaden davon tragen wird. Verliere den Mut und die Hoffnung, stelle unsere, meine Mission in Frage und möchte immer öfter einfach hinschmeißen.

Dass ich es noch nicht getan habe, dass ich jeden Tag auf’s Neue mein bestes gebe ist wohl Beweis genug, wie viel ich inzwischen gelernt habe und wie gut ich darin geworden bin, auf mich aufzupassen. Und keine Sorge, hier geht’s nicht in Richtung Suizid oder so, davon bin ich weit entfernt. Wir sind eher so auf dem Level in einer Höhle verkriechen.

Es ist wirklich ok, wenn grad nicht alles ok ist!

Wenn es Euch gerade so ähnlich geht – dann ist das vor allem ok.

Schon eine Sache alleine – Corona, ein Unternehmen führen, Eltern werden – ist eine Herausforderung. In dem Mix und vor allem in der Dauer und dieser Intensität an die eigenen Grenzen zu stoßen, da braucht es keine Vorbelastung durch psychische Erkrankungen… die sich übrigens weiterhin nicht blicken lassen.

Alles, was ich hier schreibe geschieht fernab von Depression, von Borderline und Mr. A. Kämen die gerade noch dazu, das würde die Sache wohl nochmal ein ordentliches Stück interessanter machen. Sie bleiben aber brav wo der Pfeffer wächst und ich bleibe brav bei all dem, was ich in den letzten Jahren gelernt habe.

Nein, ich habe keine Patentlösung. Ich kann nur teilen, was mir bisher geholfen hat, was mir jeden Tag hilft.

Zum Einen ist ganz klar: Achtsamkeit. Wenn der Kopf sich mal wieder im Sorgendschungel verirrt hat – den Fokus wieder ins Hier & Jetzt zurück holen. Durch atmen. Durch spüren. Durch erden. Durch umarmen. Achtsamkeit erlaubt mir, trotz allem Stress wirklich beim Tigermädchen zu sein, wenn ich beim Tigermädchen bin; wirklich bei der Arbeit zu sein, wenn ich bei der Arbeit bin. Nicht immer. Nicht 100%. Aber doch in circa 80% der Zeit.

Es hilft mir, alle Gedanken und Gefühle erstmal anzunehmen. Alle haben ihre Berechtigung. Alle dürfen sein. Alle bekommen Platz und Raum und Aufmerksamkeit. Nichts wird weggschoben oder zur Seite gedrängt. Alles wird gedacht, gefühlt, wahr- und angenommen. Und: ich bleibe nicht alleine mit ihnen. Sondern rede, teile.

Was hilft mir?

Mit am wichtigsten ist wohl: ich nehme Hilfe an. Leicht ist das noch immer nicht für mich, aber ich werde besser. Das ist wohl eine Sache, die mir das Mutter-sein schon jetzt deutlich gezeigt hat: ich muss nicht alles alleine machen und schaffen. Ich darf mir helfen lassen – wie auch immer die Hilfe aussieht, welche Form auch immer sie annimmt. Ob Zeit, Geld, Essen, Informationen, Zuhören oder oder oder.

Ganz grundlegend lege ich wohl derzeit noch mehr Wert auf die Basics – auf Schlaf, auf Ernährung, auf Bewegung, auf Struktur und Routinen. Plane Tage und Wochen, sortiere das Chaos mit Hilfe von Listen und Apps. Auch hier: nicht 100% der Zeit, aber auch hier ca. 80% der Zeit.

Dankbarkeit ist ein weiteres Werkzeug, dass mich stabil hält. Kein Tag vergeht, ohne dass ich nicht den Blick auf alles gute richte. Auf all die großen und kleinen Dinge, die gut laufen, die gut sind, wo das Glück an unserer Seite ist. Auf die Menschen, die uns unterstützen und an uns glauben, die uns helfen und zur Seite stehen. Dankbarkeit für ein gesundes Kind, eine gesunde Familie

Auszeiten – an Urlaub ist nicht zu denken, aber ein Tag in den Bergen (oder sogar zwei, drei – wenn man so tolle Menschen mit tollen Autos im Umfeld hat, in denen man auch mal schlafen kann und die einem dieses Auto mal für eine kurze Zeit überlassen), Tage an denen der Rechner zu bleibt, die Arbeit nichts zu melden hat. Stunden, in denen das Handy nicht beachtet wird sind wichtig und wertvoll für mich, für uns.

Alles auf Anfang?

Langsam komme ich zum Ende dieses Artikels – so schnell war wohl selten ein Blogpost entstanden. Und ich spüre, wie in mir der Drang größer wird, alles zu löschen, jetzt sofort, nicht so zu jammern und lieber am Schwangerschafts-Blogpost weiterzuschreiben oder sonst was sinnvolles zu tun.

Aber genau das und jetzt und hier ist sinnvoll. Denn schreiben hilft mir, beim Sortieren, beim Verstehen, beim Verarbeiten. Und das zu Lesen kann helfen, Euch – beim nicht alleine fühlen, beim sich verstanden fühlen, beim weitermachen.

In diesem Sinne – was auch immer in Eurem Leben gerade los ist, wie auch immer Eure letzten zwei Jahre so ausgesehen haben: Ihr rockt! Alle. Jede:r einzelne von Euch. Gestern im Guide-Gruppencoaching haben wir eine Übung gemacht, bei der die Teilnehmer:innen mal alles, wirklich alles aufschreiben sollten, was gerade so in ihrem LEben los ist. Ob Bereich (Arbeit), Aufgabe (Einkaufen), Gedanken („Ich bin zu doof!“) oder Gefühle (Einsamkeit) – alles, alles, alles einfach mal untereinanderschreiben. Ich habe mitgemacht. Und war schockiert bis überrascht, wie viele Zeilen da am Ende standen. All das wuppe ich? Wow, ganz schöner Haufen. Da ist mal Respekt angesagt!

Tut es uns gerne gleich und visualisiert auf dies Weise mal ganz konkret, was ihr jeden Tag leistet. Dann überlegt Euch, wie Ihr Euch mal was gutes tun könnt – und das hat dann bitte Priorität. Und dann sagt Ihr ein bis zehn Menschen in Eurem Umfeld, wie gut sie das gerade machen, dieses Leben. Ich fange an:

Danke von mir an mich

„Ich, Dominique de Marné, bin ganz schön stolz auf all die Dinge, die ich jeden Tag meistere. Heute und hier verspreche ich, mir bis zum 30. November folgendes gutes getan zu haben: ich nehme mir zwei mal zwei Stunden Zeit um zu schreiben. Schreiben tut mir gut und kommt seit Monaten zu kurz.

Und Lasse, Du machst das auch ganz schön gut. Und Peter, Du auch. Und Miri, Du auch. Und Natalie, Du auch. Und Conny, Du machst das übrigens auch richtig gut. Und Madeleine, Du auch. Und Lena, Du machst das auch unfassbar gut. Lu, Du machst das doppelt unfassbar gut. Eva, wie gut Du das machst kann ich kaum in Worte fassen. Und Mama, dass Du das gut machst sage ich Dir hoffentlich oft genug.“

Und jetzt Ihr!

Stress lass nach, …

… Du bist umzingelt. Ich weiß nicht, was die nächsten Wochen und Monate bringen werden. Ob wir bald wieder Land sehen, oder untergehen. Ich weiß nur, dass ich jeden Tag mein bestes gebe. Dass ich nicht perfekt bin, Fehler mache. Aber dass ich versuche, richtig zu handeln. Richtig für mich, richtig für meine Tochter, richtig für meine Familie, richtig für mein Unternehmen, richtig für meine Mission, richtig für Mental Health.

Ich versuche, nicht nur mir selbst gegenüber so viel Kindness und Compassion an den Tag zu legen, wie ich finden kann, sondern auch im Alltag mit anderen genau davon etwas mehr zu verteilen. Weil kaum eine Person, die ich kenne unberührt geblieben ist von den letzten Monate. Weil ich überall auf leere Akkus, auf ausgewachsene Berge aus Stress und auf Leute treffe, die jeden Tag ihr bestes geben.

Darin zumindest können wir uns alle unterstützen. Verständnis haben. Zuhören. Lächeln und Umarmungen verschenken. Nicht noch was oben drauf pfeffern. Nett sein. Das alles mag Stress gar nicht gern – also, lasst uns alle zusammen dem Mistkerl zeigen, dass er uns noch lange nicht geschafft hat!